Regeln der Institution durchsetzen

Stichwörter:

  • Die Klienten verstossen gegen eine Regel, die sowohl Ihnen wie auch den PSA bekannt ist und erleben eine Konsequenz.
  • PSA hat grundsätzlich den Auftrag, nach den Regeln der Institution zu handeln
  • Die Klienten testen ihre Grenzen.
  • Die Klienten weigern sich, eine an sie gestellte Anforderung zu erfüllen.
  • Die Klienten reagieren mit Widerstand. 
  • Die PSA ist interessiert, eine gemeinsame Ebene des Verstehens zu finden, damit die Regeln eingehalten werden können.

5.1      Erklärungswissen – Warum handeln die Personen in der Situation so?

 

5.2      Interventionswissen – Wie kann ich als professionelle Fachperson handeln?

  • Vorbemerkung: Zu den einzelnen Theorien sind in den Schlüsselsituationen konkrete Bezüge zu den jeweils beschriebenen Situationen zu finden.
  • Behaviorismus
    Laut Skinner wird von den Konsequenzen, die auf ein Verhalten folgen, gelernt (vgl. Zimbardo/Gerrig 2008: 206- 218).
    Z.B besteht die Gefahr, dass Klienten lernen, dass störendes Verhalten belohnt wird. Wichtig ist, dass die Klienten/innen einen direkten Bezug zur Konsequenz sehen und diese mit den Klienten/innen besprochen und begründet wird. Nach Möglichkeit kann der PSA die Klienten/innen fragen, welche Konsequenz sie für sich angemessen halten.
  • Soziale Kompetenzen in der Sozialen Arbeit – Situationstyp Recht durchsetzen, Grenzen setzen, auf die Einhaltung von Regelungen und Vereinbarungen achten
    Wenn Klienten Regeln einer Institution missachten, verletzen sie in dieser Situation auch common-sense Regeln des Zusammenlebens. Die PSA hat daher ein gutes Recht, diese Regeln einzufordern und den Klienten Grenzen zu setzen.  In den bekannten Verhaltenstrainings zu Sozialen Kompetenzen (Hinsch/Pfingsten 2007, Schiebel/Drinkmann 2013) geht man beim Situationstyp “Recht durchsetzen, Grenzen setzen und auf die Einhaltung von Regeln und Vereinbarungen achten” von folgenden Prinzipien und Verhaltensregeln aus:

     

    • Das Recht muss sicher auf der Seite der PSA sein,
    • die leitenden Prinzipien sollte sie sich vorher klar machen (“innerlich dahinterstehen”),
    • die PSA sollte sich eine Selbstinstruktion i.S. einer Selbst-Erlaubnis zur Einforderung der Regeln geben
    • Beim Intervenieren sollte sie laut und deutlich sein, Blickkontakt halten, entspannt und ruhig/unaggressiv bleiben,
    • die Grenzen/Regeln aufzeigen und begründen,
    • sich nicht entschuldigen oder rechtfertigen, nicht entwerten, Verständnis für den anderen zeigen, aber auch Konsequenzen und Sanktionen aufzeigen.
    • konsequent bleiben und in der Situation nicht ohne ein Einverständnis / eine Vereinbarung mit dem Klienten aus der Situation gehen.
  • Kommunikationspsychologie – das “innere Team” Das Modell des inneren Teams kann der PSA helfen, ihre inneren Akteure zu klären. Dabei kann sie ihre innere Teamaufstellung wahrnehmen, bekannte, geliebte, ungeliebte, funktionale oder dysfunktionale Teammitglieder identifizieren und ihre “Mannschaftsaufstellung” klären. Sie kann im inneren Dialog innere Konflikte identifizieren und lösen (z.B. zwischen aus der Situation gehen und dranbleiben, Eskalation und Deeskalation etc.). Sie kann klären, wie sie der Situation gemäss und mit ihrer Person kongruent handeln kann (Schulz von Thun 2000).
  • Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit – Kritikgespräch und Konfrontation (siehe Widulle 2012: 229ff.)
  • Die PSA überlegt sich, wie sie angemessen und konsequent Kritik äussern kann, wie sie diese mit den Klienten durcharbeiten und zu Lösungen kommen will. Sie arrangiert mit den Klienten ein formelles Gespräch (nicht Tür und Angel-Situation). Dabei äussert sie klar und deutlich ihre Kritik, lässt die Klienten Stellung nehmen, versucht mit ihnen Vereinbarungen zu treffen und regelt die Konsequenzen bei Nichteinhaltung. Sie lässt dabei die Klienten nicht ausweichen und schützt die eigene Autorität wie auch die Bedürfnisse der schwächerer Klienten, deren Kritik man ebf. ins Gespräch einbringen könnte (Widulle 2012, Benien 2004). Auch im Modell des Kritikgesprächs bräuchte die PSA innere Klarheit über die Rechte der Schwächeren, die Pflichten der Grossen und ihre eigenen Macht/Machtquellen und -mittel.
  • Kommunikation mit Gruppen / Führungs – bzw. Erziehungsstile Die Kommunikation mit Gruppen hängt stark davon ab, welches Führungs- bzw. Erziehungsverhalten die leitende Person für sich selber bevorzugt. Eine klärende Auseinandersetzung mit dem eigenen Führungs-/Erzieheungsstil führt somit zu einer klareren Führung/Kommunikation mit der Gruppe. Führungs – bzw. Erziehungsstile können in folgende Bereiche zusammengefasst werden (Baumrind, 1991):
    • Autoritär (Fordern von strenger Einhaltung von Regeln; Fordern von striktem Gehorsam;Neigung zu massiven Strafen bei Nichteinhaltung der Regeln; geringes Interesse an Absichten des Klienten; Klima: kalt und feindselig; Psychologische Kontrolle)
    • Permissiv bzw. nachgiebig (Wenig lenkend und kontrollierend; kaum Anforderungen; Vermeiden von Bestrafungen)
    • Laisser-faire bzw. vernachlässigend (Kein Interesse, das Verhalten des Klienten zu bewerten und diesen entsprechend zu lenken; keine Beteiligung; keine emotionale Zuwendung; passives Verhalten; Hilfe muss eingefordert werden)
    •  Autoritativ bzw. Richtungsweisend ( Klare Vermittlung kompetenzfördernder Verhaltenserwartungen; Überwachung entsprechender Verhaltensweisen; Unterstützung von Selbstständigkeit; Erkennbares emotionales Engagement; Offene Kommunikation, die auch die Position des Klienten berücksichtigt → Handlungskontrolle)
      Neben der Klärung des Erziehungs- /Führungsstils muss sich die PA/Leitung der Institution auch über die eigene Position im Klaren sein: Sieht sie sich wirklich als Leiter oder wünscht sie sich insgeheim, Mitglied der Gruppe zu sein. Der Wunsch, mit den Klienten eine gute Beziehung zu haben und zu pflegen, kann hier eine Rollenstörung bewirken.
  • Stärke statt Macht das Konzept der Elterlichen Präsenz (Omer/Schlippe)
    Das Konzept der elterlichen Präsenz konkretisiert das Vorgehen einer selbstsicheren, gewaltlosen und präsenten Einforderung der Grenzen bei den Jugendlichen (Schlippe/Schweitzer 2012: 364f.). (siehe Ausführungen in der Schlüsselsituation “Regeln der Institution durchsetzen / Wohngruppe mit Kindern und Jugendlichen.

 

5.5      Fähigkeiten – Was muss ich als professionelle Fachperson können?

  • Kommunikative Fähigkeiten: Klar kommunizieren können, so dass das Gegenüber Gesprächsinhalte versteht, allenfalls Anpassung an das kognitives Niveau des Gesprächspartners (vor allem bei Kindern). “Zwischen den Zeilen hören können” d.h. die Fähigkeit besitzen, versteckte Botschaften des Gesprächspartners richtig zu deuten, zu interpretieren und auch zu spiegeln.
  • Gleichzeitig auf die Bedürfnisse verschiedener Klienten eingehen können und auch in komplexen Situationen die Übersicht behalten.
  • Grenzen setzen können: PSA muss die persönliche Integrität der Schwächeren schützen und die Stärkeren in ihre Schranken weisen können.
  • Die eigenen Normen und Werte sowie diejenigen der Klienten zu erkennen und zu benennen und die Unterschiede zwischen ihnen erkennen.
  • Empathie zeigen und die Klienten verstehen.
  • Beharrlich bleiben: Auf der Einhaltung bekannter Regeln bestehen.
  • In der Situation reflektieren (reflection in action). In der Situation erkennen, dass verschiedene Interessen kollidieren und versuchen auf Basis des vorhanden Wissens sofort Handlungsalternativen zu entwickeln.
  • Projektionen sowie Phänomene von Übertragung und Gegenübertragung als solche erkennen. Erkennen, wenn eine Auseinandersetzung durch die Rolle (PSA) und nicht durch die Person bedingt ist. Sachlich analysieren können und sich im notwendigen Masse abgrenzen.

 

5.7      Wertewissen – Woraufhin richte ich mein Handeln aus? Welches sind die zentralen Werte in dieser Situation, die ich als handelnde Fachperson berücksichtigen will?

Berufskodex
Nach 5.6 haben Professionelle der SA die Klienten zu begleiten, zu betreuen oder zu schützen und ihre Entwicklung zu fördern, zu sichern oder zu stabilisieren.  In 5.7 wird weiter beschrieben, dass die SA auch die Aufgabe hat, die Menschen unabhängiger werden zu lassen auch von der Sozialen Arbeit.  Professionelle der SA sind einem dreifachen Mandat verpflichtet (5.10). Dem Doppelmandat von Hilfe und Kontrolle seitens der Gesellschaft, dem impliziten oder offen ausgesprochenen Begehren seitens der Klienten und der Sozialen Arbeit, dem eigenen Professionswissen, der Berufsethik und dem Prinzip der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit (vgl. Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz).

Organisation
Viele Organisationen haben einen lösungsorientierte Ansatz ist in ihrem Organisationskonzept verankert. Der lösungsorientierte Ansatz setzt den Fokus stark auf das Ziel und die Lösung. Es geht darum, im Gespräch mit dem Klienten eine Lösung zu finden. Eine Grundhaltung des diesen Ansatzes ist, dass die Klienten Experten ihrer Lebenssituation sind. (Detaillierte Unterschiede sind in den jeweiligen Schlüsselmerkmalen vermerkt.)

Humanistisches Menschenbild
Das humanistische Menschenbild besagt, der Mensch ist von Natur aus gut und konstruktiv, hat die Fähigkeit sich zu entwickeln und strebt nach Autonomie und Selbstverwirklichung (vgl. Rogers 2009:194).

Ethische Grundlagen bei eingreifendem Handeln und Grenzen setzen
Die Grundhaltung methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit ist Kooperation und Partizipation. Bei Risiken und Gefährdungen arbeitet Soziale Arbeit aber auch konfrontativ, eingreifend oder grenzsetzend. Staub-Bernasconi nennt dies Begrenzungsmacht (immer gemeint i.S. einer Begrenzung von destruktivem Handeln oder zerstörerischen Verhältnissen) (Staub-Bernasconi 2007). Eingreifendes Handeln kann notwendig sein, muss sich aber strengen Regeln unterziehen (gesetzliche und fachliche Fundierung). Eingriffe dürfen Potential zur Selbstbestimmung nicht zerstören, nicht erniedrigend sein, und nicht mit Gewaltmitteln versuchen, Menschen zu bessern oder glücklicher machen zu wollen. Eingriffe sind legitim zur Abwehr unmittelbarer Gefahren (Selbst- oder Fremdgefährdung), zur Verteidigung von Rechten anderer und manchmal zur Erhaltung von Schon- und Schutzräumen. Der Eingriffsanteil sollte nach Möglichkeit verringert werden durch zunehmende freiwillige Kooperation (Müller 1993, 114).

Schreiben Sie einen Kommentar

Close Menu