Motivierende Gesprächsführung / Beratungsstelle

Stichwörter:

  • Klient und PSA befinden sich in einer 1 zu 1 Situation
  • Kulturelle Unterschiede zwischen PSA und Klient sind vorhanden
  • Klient versteht und spricht nicht gut Deutsch
  • Klient hat Suchtprobleme (Alkohol)
  • Klient sieht das Ziel des Veränderungsprozesses nicht (mehr) oder stuft es als unrealistisch, nicht in seinen Möglichkeiten liegend ein

Das Gespräch erfolgt in einer ambulanten Beratungsstelle für Migranten und Migrantinnen. Diese bietet rechtliche und soziale Beratung in allen Bereichen des Alltags an. Zudem werden die Klienten und Klientinnen wenn nötig an andere Fachstellen vermittelt. Bei Bedarf findet Vernetzung und interdisziplinäre Zusammenarbeit statt. Der Klient lebt aufgrund von Alkoholproblemen und deren psychischen Folgen zurzeit in einem Wohnheim und arbeitet an einem geschützten Arbeitsplatz.

Anmerkung COP: 
Im konkreten Fall ist unklar, welchen Einfluss die Kosternträger des geschützten Arbeitsplatzes und des Wohnplatzes auf die Beratungssituation haben. Unklar ist ebenso, welches konkrete Ziel die Platzierung im Wohnheim verfolgt.

Erste Sequenz: Gesprächseinstieg

Die PSA fragt den Klienten, wie es ihm geht. Er berichtet, dass es ihm im Wohnheim nicht gefalle. Er möchte nicht mehr dort leben, sondern möglichst bald in einer eigenen Wohnung wohnen. Es stört ihn vor allem, dass er zu wenig Platz hat, um Besuch zu empfangen. Ausserdem sei das Wohnen in diesem Heim viel teurer als eine Wohnung. Er findet, dies sei Geldverschwendung. Er versteht nicht, was er dort soll und er möchte selbständig leben. Die PSA hört zu und nickt zustimmend mit dem Kopf.

Reflection in Action

Emotion Klient:  Fühlt sich bevormundet, ist unzufrieden mit der Situation, fühlt sich ausgeliefert.

Emotion PSA: Verständnis, dass Klient lieber selbständig wohnen möchte. Irritation darüber, dass Klient sich um die Kosten sorgt, da alles finanziert wird. Angst, dass Klient aus dem Programm  (Wohnheim und Arbeit) aussteigen könnte.

Kognition PSA: ich höre zu und nehme mir vor, mich gegenüber dem Klienten empathisch zu verhalten . Es soll sich eine vetrauensvolle Beziehung entwickeln.

 

 

Zweite Sequenz: Suche nach positiven Aspekten

Die PSA fragt den Klienten, wie der Tagesablauf im Wohnheim aussehe. Sie erfährt, dass er zwei Mal täglich Alkoholkontrolle machen muss und die Medikamenteneinnahme überwacht wird. Vormittags geht er zur Arbeit, ansonsten kann er seinen Tagesablauf frei gestalten. Das Abendessen wird im Wohnheim serviert, die Teilnahme ist freiwillig. Die PSA fragt, wie ihm das Essen schmeckt. Er lächelt und sagt, er sei zufrieden damit. Weiter fragt sie, ob er sympathische Mitbewohner habe. Dies verneint er. Auf die Frage der PSA, welche positiven Seiten er am Wohnheim sehe, fällt ihm nichts ein.

Reflection in Action

Emotion Klient: Freude am Interesse der PSA, fühlt sich unverstanden durch die Frage nach positiven Aspekten. weil er die Wohnform grundsätzlich wechseln möchte.

Emotion PSA: Hofft auf einen guten Gesprächsbeginn, ist aber dann enttäuscht, dass Klient keine positiven Aspekte zum Alltag im Wohnheim nennt.

Kognition PSA: ich möchte, dass der Klient neben den negativen, auch mögliche positive Aspekte erkennt. Methodisch soll dies erreicht werden, indem auf positive Erfahrungen, Ressourcen aufgebaut und der Blickwinkel verändert wird. Wegen mangelnden Sprachkenntnissen des Klienten sollte ich einfache Fragen stellen.

 

 

Dritte Sequenz: Problembewusstsein klären

Die PSA spricht den Klienten auf sein Alkohol- und Wohnproblem vor dem Spitalaufenthalt an. Er wehrt ab und sagt, dass sei kein Problem mehr, auch vorher war dies nur ein Zwischenfall. Die PSA lässt diese Aussage stehen.

Reflection in Action

Emotion Klient: Ärger, dass die unliebsame Vergangenheit wieder angesprochen wird, möchte nicht daran erinnert werden.

Emotion PSA: Unsicherheit, ob Klient seine Situation realistisch einschätzt. Unzufrieden, dass das Problem verharmlost wird.

Kognition PSA:  Informationen zur Lebensweise des Klienten vor dem Spitalaufenthalt  würden erklären, weshalb er momentan im geschützten Rahmen lebt. Deshalb möchte vom Klienten hören, wie er seine Vergangenheit wahrnimmt, um dadurch sein Verständnis für das momentane Leben im geschützten Rahmen zu fördern. Vom Psychiater weiss ich, dass der Klient noch immer akut suchtgefährdet ist.

 

 

Vierte Sequenz: Rahmenbedingungen ansprechen

Die PSA versucht sein Verständnis dafür zu fördern, dass der geschützte Rahmen für ihn hilfreich ist und dass ihm diese Wohnform Stabilität geben kann, damit später selbständiges Wohnen wieder möglich wird. Sie erklärt ihm auch, dass die Arbeit an der geschützten Arbeitsstelle, welche ihm sehr gefällt, momentan an die Bedingung geknüpft ist, dass er im Wohnheim lebt. Hier widerspricht der Klient. Die PSA sagt, dass sie dies abklären wird.

Anmerkung COP:
Es ist unklar, wie PSA das Verständnis für das Wohnen im Wohmhein fördert

Reflection in Action

Emotion Klient/in:  Ärger über „falsche“ Information, Gefühl der Bevormundung.

Emotion PSA: Verunsichert, da Klient widerspricht, ob sie richtige Information erhalten hat.

Kognition PSA: Ich werde prioritär Informationen vermitteln und Rahmenbedingungen klären, Unklare Fakten werde ich nach dem Gespräch abklären.

 

 

Fünfte Sequenz: Festlegen von Zielen

Das selbständige Wohnen sieht die PSA als Fernziel an, welches mit kleinen Schritten erreicht werden kann. Sie vetrtitt den Standpunkt, dass vorerst eine gewisse Begleitung und Kontrolle notwendig sei, die dem Klienten Stabilität geben solll. Der Klient erklärt sich bereit, bis Ende Mai im Wohnheim zu leben. Danach möchte er selbständig wohnen. Die PSA sagt dem Klienten, dass Sie den Entscheid, ob er in fünf Monaten schon selbständig wohnen kann, nicht alleine treffen könne.  Eine Veränderung sei aber durchaus möglich und sie werde Ihn dabei unterstützen z.B. in Form von eigener Wohnung mit Wohnbegleitung. Der Klient scheint erleichtert und äussert, dass er zufrieden sei, wenn er sein Ziel in mehreren Schritten erreichen könne.

Anmerkung COP:
Erneuter inhaltlicher Sprung von Sequenz 4 zu 5:  Es wird nicht deutlich, wie und warum Klient sich bereit erklärt, im Wohnheim zu bleiben.

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Froh, dass eine Veränderung möglich scheint.

Emotion PSA: Erleichtert, dass der Klient auf den Vorschlag eingeht, diesen akzeptiert.

Kognition PSA: Ein Ziel konnte vereinbart werden. Die Motivation des Klienten möchte ich weiter aufnehmen.

5.1      Erklärungswissen – Warum handeln die Personen in der Situation so?

Der methodische Ansatz der lösungsorientierten Gesprächsführung sucht im Gespräch mit dem Klientinnen und Klienten nach positiven Erfahrungen und nach Situationen, in denen das thematisierte “Problem” nicht vorhanden war. Dabei wird angestrebt, durch die Ansprache der Ressourcen, welche in solchen Situationen erlebt wurden bzw. motivierend gewirkt habe, den subjektiven Blickwinkel zu verändern in Richtung auf mögliche Lösungsansätze.(vgl. Widulle 2012: 117-118) Mit den Fragen nach den positiven Aspekten bezieht die PSA diese Methode in das Beratungsgespräch ein.

In dieser Situation im Kontext der Abhängigkeitserkrankung reicht für eine dauerhafte Veränderung des Suchtverhaltens eine einmalige Thematisierung bzw. lösungsorientiere Gesprächsführung selbstverständlich nicht aus. Wichtig ist, dass die betroffenen Menschen ihr Trinkverhalten kennen, deren “Sinnhaftigkeit” verstehen und sich ihrer Alkoholabhängigkeit in ihrer Suchtdynamik eingestehen können (vgl. http://www.blaues-kreuz-koeln-hoergeschaedigte.de/Doku/Psychoedukation_Alkohol_Broschuere.DRUCK.pdf.: 16). Mit der Frage nach dem Problembewusstsein klärt die PSA, ob sich der Klient seiner Alkoholabhängigkeit bewusst ist.  

Nach Hargens sind Ziele wesentliche Wegweiser in der Beratung, damit alle Beteiligten wissen, wann sie auf dem Weg sind oder wann das Ziel erreicht ist. In der Situation achtet die PSA darauf, ob das Ziel des Klienten und seine Lösung (Wohnsituation) miteinander verträglich sind (vgl. Hargens 2007: 31).

Das Aushandeln von Zielen beginnt schon bei der gemeinsamen Problemsicht. Wichtig ist zu realisieren, dass Ziele nicht einfach festgelegt werden können, sondern dass es ein “Aushandeln” braucht, ein Austausch zur Klärung der Frage, was zu einem bestimmten Problem getan werden soll. Widulle beschreibt dazu mehrere Phasen der Zielklärung (Widulle 2012, S. 150 – 151). In seinen Arbeitsregeln zu Zielklärungsgesprächen hält er unter anderem fest: “Das Aushandeln von Ziele setzt voraus, dass Verhandlungsspielräume vorhanden sind und Verhandlungsregeln beachtet werden. Fachkräfte sollten Bedürfnisse und Interessen verschiedener Akteure eruieren und abwägen und auf Interessenausgleich zielen.” (Widulle 2012, S. 152). Auf die Situation bezogen werden in der 5. Sequenz Ziele ausgehandelt.

Nach der Motivierenden Gesprächsführung verfolgt folgende 4 Prinzipien: 1. EmpathieEmpathie ausdrücken, 2. Diskrepanzen entwickeln, 3. Widerstand umlenken, 4. Selbstwirksamkeit fördern (Miller/ Rollnick 2009: 57 – 65). In der Situation zeigt PSA Empathie. Sie versucht zaghaft in der 5. Sequenz Selbstwirksamkeit beim Klienten zu fördern, indem sie ihn mitbestimmen lässt und auf seine Anliegen eingeht. Anstatt mit dem Widerstand konstruktiv und flexibel umzugehen weicht sie ihm eher aus, indem sie in der 2. Sequenz das Thema wechselt und in der 4. Sequenz selber dem Widerstand ausweicht, indem sie erklärt, dass sie den Sachverhalt nochmals abklären müsse. Sie versucht in der 3. Sequenz eine Diskrepanz mit der Frage nach seinem Alkohol- und Wohnproblem zu erzeugen.

Aus dem Rubikonmodell wird ersichtlich, dass der Klient in der ersten Phase sein Ziel auswählt, und daraus die Umsetzung seiner getroffenen Entscheidung plant. Danach folgt die Durchführung seiner Entscheidung in das konkrete Handeln. In der vierten Phase des Rubikonmodells bewertet der Klient sein Handeln (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Rubikonmodell_der_Handlungsphasen). In der Schlüsselsituation hat der Klient sein Ziel bereits vor dem Gespräch ausgewählt (selbständiges Wohnen) und macht den ersten Schritt der Umsetzung, indem er in die Beratung zur PSA kommt. Diese bietet dem Klienten Unterstützung für die Umsetzung seines Ziels an.

Die systemische Beratung sieht den Menschen als biopsychosoziales System. Es stehen sowohl das engere Beziehungsnetz des Klienten, als auch die Umwelt des Systems im Blickfeld. Zu dieser Umwelt gehört auch der Migrationskontext (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 26). Jedes System gehört noch grösseren Systemen an. Diese haben eine Wechselwirkung aufeinander und beeinflussen sich gegenseitig. Migranten gehören verschiedenen kulturellen Systemen an, welche sich teilweise in ihren Regeln widersprechen (vgl. ebd.: 28). Der Klient kommt aus einer Kultur, wo der Familienzusammenhalt wichtiger ist als in der schweizerischen Kultur. Im Wohnheim fehlt ihm sein ursprüngliches Familiensystem, welches ihn tragen und unterstützen könnte. Die PSA erkennt diese Zusammenhänge und zeigt Verständnis für die Unzufriedenheit des Klienten an seiner Wohnsituation.

Auch die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit handelt in den Spannungen der sozialen Bezüge und ihren Ressourcen (vgl. Grunwald/Thiersch: 34). Das heisst, der Klient wird im Kontext seiner Kultur und seinen sozialen Beziehungen, wie Freunden und Familie gesehen und ernst genommen. Die PSA zeigt Verständnis gegenüber den Bedürfnissen ihres Klienten. Sie versteht, dass er aus einer Kultur kommt, in der Familie sehr wichtig ist und er daher genügend Platz benötigt, um Besuch zu empfangen. Zu den Strukturmaximen der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit nach Thiersch zählt unter anderem die Prävention. Diese zielt auf Stabilisierung und Inszenierung belastbarer und unterstützender Infrastrukturen ab, zu dem wird versucht rechtzeitig zu helfen und nicht erst, wenn sich Schwierigkeiten dramatisieren oder verhärten (vgl. ebd.: 26). In der Situation macht die PSA dem Klienten klar, dass er sein Ziel (selbständiges Wohnen) in kleineren Schritten erreichen kann. Durch ihr Einfühlungsvermögen und der zugesicherten Unterstützung wirkt sie präventiv, primär gegen ein überstürztes Verlassen des Wohnheimes und sekundär gegen seine Suchtproblematik. Zudem realisiert sie das Prinzip der Partizipation und ermöglicht ihrem Klienten Mitbestimmung und Beteiligung an den Entscheidungen.

Nach der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas, liegt jeder kommunikativen Äusserung die lebensweltliche Situationsdefinition der Beteiligten zugrunde. Diese muss minimal übereinstimmen, damit eine Verständigung möglich wird (vgl. http://www.medialine.de/deutsch/wissen/medialexikon.php?snr=7107). Trotz kulturellen und sprachlichen Differenzen zwischen der PSA und dem Klienten gelingt es der PSA durch einfache Wortwahl eine Verständigung mit dem Klienten zu ermöglichen und seine Lebenswelt wahrzunehmen.

 

5.2      Interventionswissen – Wie kann ich als professionelle Fachperson handeln?

Das Veränderungsmodell von James Prochaska und Carlo Di Clemente beschreibt sechs Stadien der Veränderung (vgl. Widulle 2012: 125). Der Klient hat bereits einige Stufen durchlaufen und das Zielverhalten (kein Alkohol konsumieren) erreicht. Die damit erlangte Phase der Aufrechterhaltung ist jedoch noch immer eine instabile Phase. Bis jetzt hat der Klient das Zielverhalten im geschützten Rahmen aufrechterhalten, der nächste Schritt ist, dass er dies auch im selbständigen Leben schafft. Die PSA unterstützt den Wunsch des Klienten selbständig zu Wohnen, den Zeitplan des Klienten (sofort selbständig wohnen) stellt sie jedoch in Frage. Sie schlägt ihm vor, das Ziel in mehreren Schritten zu erreichen, da an der Rückfallprophylaxe noch gearbeitet werden muss.

In der Transaktionsanalyse hilft als Grundprinzip das Arbeiten mit Verträgen, damit Gespräche nicht in die Sackgasse führen oder sich im Kreis drehen. Verträge sind auf der Basis freier Entscheidungen getroffene, partnerschaftliche Vereinbarungen, in denen klar benennt wird, was getan wird, woran wir zusammenarbeiten und was wir  voneinander erwarten (vgl. Gührs/Nowak 1991: 45). In der fünften Sequenz wird ein Vertrag hergestellt. Die PSA sieht das selbständige Wohnen als Fernziel, welches jedoch in kleinen Schritten erreicht werden soll. Dies akzeptiert der Klient und er erklärt sich bereit dazu, mit der PSA zusammenzuarbeiten.

Basis für die Transaktionsanalyse (Nach Eric Berne)  ist das Ichzustands-Modell. Dieses erklärt die durch die Persönlichkeitsanteile geprägten Gesprächsmuster, welche dazu beitragen, dass Gespräche angenehm und effektiv oder auch mühsam und destruktiv verlaufen können. Mit dem Wahrnehmen der Ichzustände kann die Kommunikation besser verstanden werden. Eine reife Persönlichkeit (Fachperson) hat das volle Potential aller Ichzustände zur Verfügung und kann situationsbezogen, den jeweils angemessenen Ichzustand benutzen. Es gibt dabei vor allem drei Ichzustände, die ein Gespräch produktiv prägen: das nährende Eltern-Ich, das Erwachsenen-Ich und das freie Kindheits-Ich (vgl. Gührs/Nowak 1991: 93f.). In der ersten Sequenz spricht die PSA im nährenden Eltern-Ich (“wie geht es ihnen?”) und der Klient antwortet im rebellischen Kindheits-Ich (“Ich weiss nicht, was ich im Heim soll, ich möchte selbständig leben.”). Die PSA reagiert in der zweiten Sequenz jedoch nicht im mahnenden kritischen Eltern-Ich, was eigentlich typisch als Antwort folgen müsste, sondern bleibt im Erwachsenen-Ich (“Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?”). Der Klient fällt darauf hin wieder ins rebellische Kindheits-Ich (“Ich muss täglich zweimal Alkoholkontrolle machen.”). Hier leistet die PSA durch den gut gewählten Ichzustand einen grossen Beitrag zum produktiven Gespräch.

 

5.3      Erfahrungswissen – Woran erinnere ich mich, was kenne ich aus ähnlichen Situationen?

  • Bereits bei anderen Klienten/Klientinnen hat die PSA erlebt, dass durch aktives, interessiertes Zuhören und Nachfragen Vertrauen aufgebaut werden kann. Dieses Vertrauen ist die Grundlage einer tragfähigen Arbeitsbeziehung, welche eine Voraussetzung für die Zusammenarbeit darstellt (vgl. von Spiegel 2008: 99). Durch aktives Zuhören zeigt die PSA eine wertschätzende Haltung, welche auf ihr Gegenüber motivierend wirkt.
  • Aus Erfahrung weiss die PSA, dass die Rahmenbedingungen geklärt sein müssen bevor ein Ziel entwickelt wird. Ziele sind Ergebnisse von einem Aushandlungsprozess und es ist wichtig, dass die Wünsche und Bedürfnisse der Klienten berücksichtigt werden. Dabei müssen aber auch weitere Aspekte einbezogen werden, wie fachliche und therapeutische Vorgaben und die Bedingungen des Kostenträgers (vgl. ebd.: 135). Die PSA berücksichtigt diesbezüglich in der vierten Sequenz die Abhängigkeit von Wohnsituation und Arbeitsstelle.
  • Aufgrund von theoretischem Wissen ist sich die PSA bewusst, dass in der sozialen Arbeit immer ein Machtgefälle zwischen Klient und Fachperson besteht. Es ist wichtig, dass diese Ungleichheit gemindert wird damit eine Vertrauensbasis entsteht (vgl. ebd.: 45). Die PSA hat erfahren, dass durch eine einfache Wortwahl bei Kindern und fremdsprachigen Personen, das Machtgefälle gemindert werden kann.

 

5.4      Organisations- und Kontextwissen – Welche Rahmenbedingungen beeinflussen mein Handeln?

Die Organisation ist eine niederschwellige Anlaufstelle für Migranten und Migrantinnen. Sie unterstützt Familien wie auch Einzelpersonen bei der Integration und hilft Wege zur Alltagsbewältigung zu finden.

Die Organisation initiiert und koordiniert die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Organisationen.

Die Klienten und Klientinnen haben eine Bezugsperson, welche sie individuell begleitet und unterstützt.

Eine wertschätzende, respektvolle Haltung und die Förderung der Ressourcen sind zentrale Elemente in der Betreuung.

Wenn möglich wird die Beratung in Deutsch geführt, da Kenntnisse der Landessprache als eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Integration angesehen wird.

Auf freiwilliger Basis werden den Klientinnen und Klienten auch Deutschkurse angeboten.

 

5.5      Fähigkeiten – Was muss ich als professionelle Fachperson können?

  • Fähigkeit, die Beziehung zum Klienten positiv zu gestalten. Die gute Beziehung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Menschen neue Anregungen aufnehmen können (vgl. Heiner 2010: 129).
  • Empathiefähigkeit: Rogers beschreibt umfassende Empathie, unbedingte Zuwendung und Echtheit als die wesentlichsten drei Therapeutenmerkmale, um eine vertrauensvolle und veränderungsfreudige Atmosphäre zu schaffen (vgl. Miller/Rollnick 1999: 21).
  • Fähigkeit, das eigene Menschenbild zu reflektieren. Ein ressourcenorientiertes, optimistisches Menschenbild ermöglicht einen positiven und ressourcenorientierten Umgang mit dem Gegenüber (vgl. Widulle 2012: 52).
  • Reflexionskompetenz: die Fähigkeit, das eigene Handeln und die eigenen Motive zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen (vgl. Heiner 2010: 87).
  • Fähigkeit, Klienten nicht zu überfordern, aber auch nicht zu unterfordern. Hierfür braucht es Systemkompetenz, wodurch Ressourcen gefunden werden können sowie Fallkompetenz, um eine gründliche Situationsanalyse zu machen (vgl. ebd.: 2010: 87).
  • Fähigkeit, Klienten und Klientinnen bei der eigenen Zielfindung zu unterstützen. Das methodische Handeln unterscheidet sich vom Alltagshandeln durch die Zielbezogenheit (vgl. von Spiegel 2008: 134).
  • Fähigkeit zur interinstututionellen und interdisziplinären Zusammenarbeit, welche beinhaltet, dass man die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Institution sowie möglichst auch der anderen Institution/ Disziplin kennt. 
  • Fähigkeit, die Stadien der Veränderung (vgl. Widulle 2012: 125) auf den Fall zu beziehen.
  • Fähigkeit, Deutsch den Sprachkenntnissen des Klienten anzupassen.
  • Fähigkeit, verschiedene Interessen wahrzunehmen und zu klären (Konfliktfähigkeit).
  • Fähigkeiten, sich schnell auf neue Situation einzustellen.
  • Interesse an fremden Kulturen und Werten.




5.6      Organisationale, infrastrukturelle, zeitliche, materielle Voraussetzungen – Womit kann ich handeln?

Beratungsgespräche finden in der Regel wöchentlich statt und dauern etwa eine Stunde. Wenn nötig, kann auch mehr Zeit aufgewendet werden.

Die Mitarbeitenden haben jeweils einen Klientenstamm, für den sie selber verantwortlich sind. Wenn die zeitliche Beanspruchung zu sehr steigt, kann im Gespräch mit der Leitung eine Lösung gesucht werden.

Die PSA kann sich nach dem Gespräch Zeit nehmen, um Abklärungen zu machen und Kontakt mit anderen Institutionen aufzunehmen.

Wenn nötig kann mit den mitarbeitenden Dolmetschern ein Termin vereinbart werden.

Die Institution wird durch Mitgliederbeiträge, Spendengelder und Stiftungen finanziert.

Austausch mit Teamkollegen und -kolleginnen und der Leitung ist erwünscht. Es werden regelmässig Teamsitzungen durchgeführt.

Die Arbeit kann im Einzelgespräch mit der Leitung reflektiert werden und es können fachliche Fragen geklärt werden. Da weitere Reflexionsgefässe in der Organisation fehlen, ist für die PSA wichtig, Supervision und Weiterbildungsangebote nutzen zu können. Dabei kann sie ihr berufliches Handeln weiterentwickeln.

 

5.7      Wertewissen – Woraufhin richte ich mein Handeln aus? Welches sind die zentralen Werte in dieser Situation, die ich als handelnde Fachperson berücksichtigen will?

Die PSA arbeitet auf der Grundlage des humanistischen Menschenbildes, bei dem jeder Mensch einzigartig ist, sich selbst entwickeln und selbst entscheiden, geachtet und respektiert werden möchte. Deshalb sollte keine Vorverurteilung stattfinden und konzentriert auf Selbstbestimmung, auf Ressourcen und Wertschätzung geachtet werden.

Das professionelle Handeln orientiert sich an den Menschrechten (vgl. http://www.humanrights.ch/de/internationale-menschenrechte/aemr/text/). Insbesondere Art. 2 “Verbot der Diskriminierung” auch Menschen mit Migrationshintergrund stehen die gleichen Recht zu.

Das ursprüngliche Lebensfeld, die Familie und der kulturelle Hintergrund gehören zur Person. Ihnen wird mit Offenheit, Verständnis und Interesse begegnet. Offenheit Neuem gegenüber bietet die Möglichkeit, sich (nicht nur als Professionelle) persönlich weiter zu entwickeln.

Widerstand kann eine Form von Bewältigung sein. Diesem ist professionell zu begegnen, indem die sozialen und persönlichen Dynamiken untersucht werden, um als PSA ein Verständnis und einen Umgang zu entwickeln, welche dem Klienten ermöglichen, in Kooperation zu treten. Mit dem Verständnis für diese Dynamiken können zudem angemessene Interventionen entwickelt werden.

Bewusstsein, dass Begleitung und Kontrolle einerseits Sicherheit und Stabiliät geben, andererseits aber auch die Autonomie einschränken kann

  • Ein freiwilliges Arbeitsbündnis kommt zustande (vgl. Oevermann 2009: 113-142). 
  • Partizipation im Sinne der aktiven Teilnahme, Engagement sowie Selbsttätigkeit der Individuen findet statt (vgl. Granlund et al. 2004: o.S.). 
  • Autonomie und Selbstbestimmung werden beachtet. 
  • Dem Klienten wird mit Offenheit, Respekt und Interesse begegnet.
  • Arbeitsbündnis: Es besteht eine Vertrauensbasis. Dies ist daran ersichtlich, dass der Klient freiwillig in die Beratung kommt, sich öffnet und von sich und seinen Anliegen erzählt.
  • Partizipation: Der Klient nimmt am Gespräch teil, wird selbst tätig, indem er sich eigene Gedanken macht und diese mitteilt, aber auch indem er Informationen der PSA in Frage stellt. Die PSA unterstützt den Prozess durch lösungsorientiertes Fragestellen.
  • Autonomie und Selbstbestimmung: Die PSA unterstützt den Klienten in seinem selbstbestimmten Wohnungs- und Lebensplan. 
  • Offenheit, Respekt und Interesse: Die PSA geht offen auf den Klienten zu, respektiert seinen Wunsch nach selbständigem Wohnen und nimmt sein Anliegen ernst. Dies wird dadurch deutlich, dass die PSA zu Beginn des Gespräches zuhört, was den Klienten beschäftigt. Sie zeigt Interesse und geht fragend auf seine Kritik an der jetzigen Situation ein. Als der Klient in der vierten Sequenz einer Aussage der PSA widerspricht, respektiert sie dies

Im Übergang von Sequez 2 zu Sequenz 3 gibt es einen abrupten Themenwechsel. Die PSA fragt den Klienten nach positiven Aspekten des Wohnheims. Er antwortet, dass ihm dazu nichts einfalle. Die PSA geht nicht auf die Antwort (Sequez 2) des Klienten ein und macht einen Themenwechsel. Die PSA hätte die Antwort als Widerstand erkennen und darauf reagieren können. Nach der Motivierenden Gesprächsführung hätte sie mit dem Widerstand konstruktiv umgehen können, indem sie z.B. einen Schritt zurückgeht (vgl. Miller/ Rollnick 2009: 139). Sie versucht in der dritten Sequenz mit der Frage nach dem Alkohol und Wohnproblem eine Diskrepanz zu erzeugen, was ihr nicht gelingt, weil sie keine offene Frage als Technik des Lösungsorientierten Ansatzes stellt und durch das Ansprechen seiner Problematik eher Widerstand aufbaut. In der Sequenz 3 “Problembewusstsein klären” hätte die PSA mit offenen Fragen mehr Raum für die Problemsicht des Klienten geben und so auch die Diskrepanzen darstellen können. Das hätte Partizipation und Selbstbestimmung erhöht und würde bedeuten, dass man Ziele aushandelt (siehe Erklärungswissen).

Eine Grundannahme des Lösungsorientierten Ansatzes lautet: „Eine Ausrichtung auf das Positive, auf die Lösung und auf die Zukunft erleichtert eine Veränderung in die gewünschte Richtung. Deshalb soll man sich auf lösungsorientiertes und nicht auf problemorientiertes Sprechen konzentrieren“ (Walter/Peller 2004: 27). Nach diesem Ansatz kann die PSA in der dritten Sequenz statt die Probleme anzusprechen eine offene Frage stellen, wie zum Beispiel: „Welche Umstände haben dazu geführt, dass Sie jetzt im Wohnheim wohnen?” oder „Was hat sich seither verändert?“. So kann der Blick vom ursprünglichen Problem weg auf die Ressourcen gelenkt werden.  

Um neue Beziehungsmöglichkeiten aufzuzeigen, werden in der systemischen Beratung Fragen zur Möglichkeitskonstruktion gestellt (vgl. von Schlippe/Schweitzer: 2007: 147). In der zweiten Sequenz könnten zusätzliche Fragen zur Möglichkeitskonstruktion unterbreitet werden, wie zum Beispiel: „Was würden Sie vermissen, wenn Sie nicht mehr im Wohnheim wohnen würden?“

Die systemische Beratung bezieht auch das soziale Umfeld des Klienten mit ein und die kooperative Beziehung wird auf dieses System ausgeweitet. Dadurch wird ein Rahmen gegeben, in dem Veränderung möglich ist (vgl. Hegemann/Oestereich 2009: 25f.). Die PSA hat bei ihren Fragen nur das soziale Umfeld des Wohnheims einbezogen. Eine Handlungsalternative ist, dass sie auch Fragen nach seinem weiteren sozialen Umfeld stellt. Dadurch hätte sie den Blick auf die Tragfähigkeit seines sozialen Netzes erweitert.

Gemäss Transaktionsanalyse (siehe Interventionswissen) spricht die PSA in der dritten Sequenz im kritischen Eltern-Ich, bezogen aufs Dramadreieck als Verfolger, den Klienten an (“Gab es früher schon Alkohol und Wohnprobleme?”). Darauf reagiert der Klient typisch im rebellischen Kindheits-Ich, oder bezogen aufs Dramadreieck als Opfer, indem er sich verteidigt und diese Probleme abwehrt und als einmaligen Zwischenfall bezeichnet. Hier kann es sinnvoll sein, dass die PSA im Erwachsenen-Ich bleibt und beispielsweise die offenere Frage stellt: “Wie sah ihre Situation vor dem Spitalaufenthalt aus?”. Dies wäre auch die entscheidende Frage gewesen, welche gemäss Motivierender und Lösungsorientierter Gesprächsführung Diskrepanzen aufgezeigt und einen flexiblen Umgang mit dem Widerstand des Klienten ermöglicht hätte.

Spürbar ist, dass in der Schlüsselsituation die PSA viel Wissen hatte, aber dieses mangels Erfahrung nicht immer – mit der richtigen Fragestellung – einsetzen konnte.

  • Grunwald, Klaus/Thiersch, Hans (2004). Das Konzept Lebensweltorientierte Sozialarbeit. Einleitende Bemerkungen. In: Grunwald, Klaus/Thiersch, Hans (Hg.). Praxis Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit. Handlungszugänge und Methoden in Unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Weinheim und München: Juventa Verlag.
  • Granlund, M. et al. (2004).In: Skript ‘Partizipation im Kontext von Behinderung’ von Dorothea Lage. Modul BA04: Lebenslagen 1. HSA, FHNW
  • Gührs, Manfred/Nowak, Claus (1991). Das konstruktive Gespräch. Ein Leitfaden für Beratung, Unterricht und Mitarbeiterführung mit Konzepten der Transaktionsanalyse. Neumünster: Struve + Wachholtz Offsetdruck GmbH
  • Hargens, Jürgen (2007). Lösungsorientierte Therapie… was hilft, wenn nichts hilft….Dortmund: Borgmann publishing.
  • Hegemann, Thomas/Oestereich, Cornelia (2009). Einführung in die interkulturelle systemische Beratung und Therapie. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.
  • Heiner, Maja (2010). Kompetent handeln in der Sozialen Arbeit. München: Ernst Reinhardt Verlag
  • Miller, William R. / Rollnick, Stephen (1999). Motivierende Gesprächsführung. Ein Konzept zur Beratung von Menschen mit Suchtproblemen. Freiburg im Breisgau: Lambertus
  • Miller, William R. / Rollnick, Stephen (2009). Motivierende Gesprächsführung. 3., unveränderte Auflage. Freiburg im Breisgau: Lambertus.
  • Oevermann, Ulrich (2009). Die Problematik der Strukturlogik des Arbeitsbündnisses und der Dynamik der Übertragung und Gegenübertragung in der professionellen Praxis von Sozialarbeit. In: Becker-Lenz, R. et al. (Hg.). Professionalität in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag
  • von Schlippe, Arist / Schweitzer, Jochen (2007). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. 10. Auflage. Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht.
  • von Spiegel, Hiltrud (2008). Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. 3. Auflage. München Basel: Ernst Reinhardt Verlag.
  • Walter, John L. / Peller, Jane E. (2004). Lösungsorientierte Kurzzeittherapie. Ein Lehr- und Lernbuch. 6. Unveränderte Auflage. Dortmund: verlag modernes lernen (vml).
  • Widulle, Wolfgang (2012). Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und Gestaltungshilfen. 2., durchgesehene Auflage. Wiesbaden: Springer VS.
  • URL: http://www.humanrights.ch/de/internationale-menschenrechte/aemr/text/ [Zugriffsdatum: 18.6.2015]
  • URL: http://www.medialine.de/deutsch/wissen/medialexikon.php?snr=7107 [Zugriffsdatum: 18.5.12]
  • URL: http://www.blaues-kreuz-koeln-hoergeschaedigte.de/Doku/Psychoedukation_Alkohol_Broschuere.DRUCK.pdf. [Zugriffsdatum: 18.05.2012]
  • URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Rubikonmodell_der_Handlungsphassen [Zugriffsdatum: 17. April 2012].

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