Kritische Situation begleiten / Sonderschulheim

Stichwörter:

  • Die Klientin wendet ein für sie früher erfolgreiches Verhaltensmuster an. 
  • Die Klientin fühlt sich hilflos und fremdbestimmt. 
  • Die Klientin hat Angst vor dem was kommt. 
  • Die Klientin wehrt sich gegen das Gegebene.
  • Die Professionelle der Sozialen Arbeit weiss um die Not der Klientin und handelt in Voraussicht auf die Zukunft.
  • Der Professionellen der Sozialen Arbeit ist es wichtig die Klientin zu beruhigen und zu schützen

Kontext: Die Situation ereignet sich in einem Sonderschulheim mit Wocheninternat für Schüler und Schülerinnen mit sozialen Auffälligkeiten und Schwierigkeiten im Lernen. Die betreffende Internatsgruppe umfasst zurzeit neun Kinder und Jugendliche im Alter von 9 – 15 Jahren. Betreut werden die Kinder und Jugendlichen von der Gruppenleitung (100%), der Stellvertretung (100%), einer Studentin im letzten Studienjahr (70%), einem Student im zweiten Studienjahr (60%) und einem Praktikanten (40%).

Ausgangslage: Kritische Situation eines neueingetretenen Mädchens (10-jährig), dass zu ihrem Vater davonlief und wieder zurückgebracht wurde. Das Mädchen trat vor einer Woche ins Internat ein, an besagtem Tag war sie mit der Schule auf der Eisbahn, von wo sie davonlief und zu ihrem Vater reiste. Dieser brachte sie später wieder zurück. Das Mädchen trat in Folge eines Obhutentzuges ins Sonderschulheim ein. Der Vater geht gerichtlich gegen diesen Entscheid vor. Die Mutter steht hinter der internen Platzierung.

Erste Sequenz: Ankunft von Vater und Tochter auf der Wohngruppe

Die Klientin und ihr Vater kamen kurz vor Schulschluss zurück. Der Vater kam mit einer weinenden Klientin im Arm zurück. In der Garderobe erklärte mir die Klientin klipp und klar, dass sie mit ihrem Vater wieder nach Hause gehen werde. Anschliessend gingen wir erst mal in ihr Zimmer hoch. Dort weinte sie weiter, erklärte, dass sie krank sei, Bauchschmerzen habe, ihr alles weh tue und klammerte sich an ihren Vater.  Der Vater sprach ihr gut zu, dass sie nun bleiben müsse, dass es nun wichtig sei tapfer zu sein und auf Wiedersehen zu sagen.

 

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Will nach Hause, Angst vor dem Neuen, Hoffnung, dass der Vater sie mitnimmt, Verzweiflung, warum tun sie mir das an. 

Emotion Professionelle/r: überrascht, dass K immer noch weint, traurig, dass K in diesem Zustand zurückkommen muss, unsicher was für eine Reaktion richtig ist, ist sie wirklich krank, hat sie Schmerzen? Bedauern, dass PSA K noch nicht so gut kennt.

Kognition Professionelle/r: Es ist wichtig, dass K zurückkommt und hierbleibt. Möglichkeiten zur Beruhigung von K suchen. Wichtig K Sicherheit zu vermitteln und Ruhe auszustrahlen. Wichtig sich nun 100% auf K zu fokussieren und ihr die volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

 

 

Zweite Sequenz: erstes Davonlaufen und an Vater klammern und Abschied des Vaters

Daraufhin lief sie erneut davon. Der Vater konnte sie jedoch vor dem Haus in den Arm nehmen und in die Garderobe zurückbringen. Dort wollte er sich verabschieden. Die Klientin klammerte sich an ihren Vater, weinte und bedrängte ihn, dass er sie wieder mitnimmt. Die beruhigenden Worte der PSA fanden bei der Klientin kein Gehör. Sie liess sich in keiner Weise ablenken und von ihrer Idee mit dem Vater mitzugehen abbringen. Der Vater ging jedoch, nachdem für ihn klar war, dass sich die Situation so nicht beruhigen lässt.

 

 

 

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Verzweiflung, will nur nach Hause, keinen klaren Gedanken mehr fassen können, Hoffnung, dass der Vater sie mitnimmt, Angst hierbleiben zu müssen. 

Emotion Professionelle/r: Unsicherheit, was hilft, Angst, dass sie erneut davonläuft, Hoffnung, dass der Vater standhaft bleibt, Erkenntnis, dass K all ihre Möglichkeiten den Vater unter Druck zu setzen ausnutzt. Mitleid mit dem Kind und dem Vater, Hilflosigkeit, Wille K hier zu behalten, 

Kognition Professionelle/r: Es ist wichtig K zu beruhigen, sie hat sich in etwas hineingesteigert, kann wohl kaum mehr klar denken, wichtig richtig zu reagieren, wichtig, dass sie bleibt, den Vater stärken, Ist irgend eine Form von Ablenkung möglich?

 

 

Dritte Sequenz: Ausweg suchen nach Abschied des Vaters

Ich musste die Klientin kurz halten, damit der Vater zur Türe raus konnte. Danach schloss ich die Türe ab. Die Klientin wollte unbedingt nach draussen, rüttelte an jedem Fenster und jeder Türe, bis sie schliesslich in ihr Zimmer rannte, wo die Fenster nicht abgeschlossen waren. Dort konnte ich sie im letzten Moment aus dem Fenster ziehen und dieses abschliessen, bevor sie sprang. Worauf sie ein Inlineskate zur Hand nahm und gegen das Fenster schoss, welches natürlich kaputt ging, jedoch nicht so, dass sie raus gekonnt hätte. Damit sie sich an den Scherben nicht verletzt, zog ich sie vom Fenster weg. Daraufhin ging sie in den Gang hinaus, wo ich versuchte sie zu beruhigen und mit ihr zu sprechen, was leider in dieser Situation nicht bei ihr ankam. Irgendwann kam sie nahe zu mir heran und drohte mir, dass sie mich schlägt, wenn ich sie nicht raus lasse. Worauf sie ausholte und mir schwach an die Schulter boxte.

 

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Verzweiflung, ich muss raus, Fluchtgedanke, Angst, Wut, Enttäuschung, dass der Vater gegangen ist 

Emotion Professionelle/r: Angst, dass sie wegläuft, dass sie sich verletzt, leichte Verzweiflung, weil bisher noch keine Möglichkeit gefunden K zu beruhigen und die Spirale zu durchbrechen, volle Konzentration auf K, Frage wie lange kann und will ich das aus/durchhalten

Kognition Professionelle/r: Es ist wichtig, dass K hierbleibt, sie muss spüren, dass wir/ich für sie da bin, dass sie jemand hier will, dass sie eine Bedeutung hat. Wichtig selbst ruhig zu bleiben und sich nicht in die Verzweiflung reinziehen zu lassen. Wichtig sie zu beruhigen auf irgend eine Art und sie zu schützen

 

 

Vierte Sequenz: Klientin festhalten und Zusammenbruch

Daraufhin nahm ich sie um den Bauch und trug sie in ihr Zimmer. Dort setzte ich mich mit ihr auf dem Schoss hin und sprach beruhigend mit ihr. Anfangs strampelte, zappelte und schrie sie, doch nach kurzer Zeit wurde sie ruhiger, fing an zu weinen und konnte dann auch neben mich sitzen.

 

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Verzweiflung, Gegenwehr, ich ergebe mich, da es keinen Zweck hat, Erleichterung gehalten zu werden. 

Emotion Professionelle/r:  Ich will sie nicht festhalten, Hoffnung, dass sie sich nun beruhigt, Schutz durch Nähe, Erleichterung bei Start weinen, Mitleid mit dem Leidensdruck von K. 

Kognition Professionelle/r: Es gibt eine letzte Möglichkeit mit K im Arm ins Zimmer zu gehen und sie zu aller Schutz zu halten, ihr Ruhe und Schutz durch den Körperkontakt zu vermitteln, als sie weint ist es wichtig sie nun nicht alleine zu lassen und ihr weiterhin Sicherheit zu vermitteln, für sie da zu sein. Und sie dann gut in den Alltag zurückzubegleiten.

 

 

 

 

Weitere Sequenzen

Fünfte Sequenz: In die Ruhe zurückfinden

Sie zeigte mir dann ihr Fotoalbum, welches sie am Wochenende von ihrem Vater erhalten hat. Ich spürte stark, dass sie mich noch länger brauchen wird und begleitete sie daher durch den anschliessenden Nachmittag und Abend. Wir zeichneten zusammen, ich half ihr beim Haare waschen und versuchte sie wieder mit den anderen Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu bringen, was sie anfangs überhaupt nicht wollte. Zurzeit ist spürbar, dass sie zu mir grosses Vertrauen hat und dass sie bei Problemen am liebsten zu mir kommt.

 

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Angst vor der Reaktion der Anderen, Impuls sich zu verstecken, Angst wieder Heimweh zu bekommen, Angst alleine gelassen zu werden, 1:1 Aufmerksamkeit geniessen, keine Lust in Kontakt zu gehen, Müdigkeit, Scham

Emotion Professionelle/r: Erschöpfung, Bedürfnis K wieder abzunabeln, wahrhaben der Bedürfnisse von anderen Kindern

Kognition Professionelle/r: Wichtig, dass K den Kontakt zu den Anderen so rasch als möglich wieder findet, dies wird mit der Zeit schwieriger. Eine derartige Fokussierung auf mich als Person ist nicht praktikabel. Wichtig wieder Normalität reinzubringen.

5.1      Erklärungswissen – Warum handeln die Personen in der Situation so?

Operante/instrumentelle Konditionierung: Die Lerntheorie basierend auf Thorndike und Skinner geht davon aus, dass die Konsequenzen, die auf eine bestimmte Verhaltensweise folgen, über dessen zukünftiges Auftreten entscheiden. Erfolgreiches Verhalten wird demzufolge in ähnlichen Situationen wieder angewendet. Nicht erfolgreiches Verhalten kommt nicht mehr, oder weniger häufig wieder zum Vorschein. Verstärker in Skinners Sinn sind alle Reize oder Umweltreaktionen, welche ein bestimmtes Verhalten ändern können, sofern sie gleichzeitig mit der jeweiligen Situation auftreten. Skinner unterscheidet zwischen positiver bzw. negativer Verstärkung, sowie Bestrafung bzw. Löschung.

Auf die Situation übertragen ist es möglich, dass die Klientin das Muster des Davonlaufens in der Vergangenheit so erlernt hat. Sie ist bereits mehrmals aus Heimweh nach Hause zu ihrem Vater gelaufen, welcher sich jeweils um sie kümmerte und sie später wieder ins Heim zurückbrachte. Aus der Sicht der operanten Konditionierung kann der Besuch beim Vater und die Zeit, die sie bei ihm/mit ihm jeweils verbringen durfte als Belohnung angesehen werden, welche ihr Verhalten (das Davonlaufen) verstärkte. Um dieses Verhalten in eine andere Richtung beeinflussen zu können ist es wichtig, dass die Zeit beim Vater in einer solchen Situation so kurz wie möglich ausfällt. Zudem ist es wichtig den Vater ins Heim einzuladen, wenn es gut läuft, wenn die Klientin da bleibt und sie so Zeit mit ihm verbringen kann. Zudem ist es sicher wichtig für die Klientin mit ihrem Vater telefonieren zu können, wenn er nicht kommen kann, so dass sie auch ohne Davonlaufen die Aufmerksamkeit ihres Vaters erhält. Ein weiterer Punkt in welchem bei der Klientin eine Konditionierung gesehen werden kann, ist dass sie die Reaktionen des Vaters auf ihr Verhalten exakt kennt. Ihr Vater möchte ihr helfen, für sie da sein. Die Klientin spürt, dass sie deshalb oft erhält was sie möchte. Sie hat gelernt, dass sie ihren Vater unter Druck setzen kann und dass er darauf reagiert und sie das erhält was sie gerne möchte. In vorliegendem Fall kann es sein, dass ihr Weinen und sich an den Vater klammern, wie auch ihre Aussagen, dass es ihr schlecht geht, ihre Möglichkeit darstellt den Vater unter Druck zu setzen und möglichst das zu Erreichen was sie möchte. Hier ist es wichtig, dass sie dieses Ziel nicht erreicht. Es ist hier nötig, den Vater in seiner Meinung zu stärken, damit die Belohnung ihres Verhaltens (Druck aufsetzen) nicht kommt. Dies nicht nur in solch schwierigen Situationen, sondern auch bei banaleren Sachen. Die Klientin muss lernen, dass ein ‚nein‘ auch wirklich ein ‚nein‘ ist und nicht schnell zu einem ‚ja‘ gedreht werden kann. (Mazur S. 2004; 184ff)

Systemökologisches Entwicklungskonzept: Für Bronfenbrenner entwickelt sich der Mensch in engem Kontext zu seiner Umwelt. Die Umwelt ist, laut ihm, ein Satz ineinander geschachtelter Strukturen, die er als Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosystem bezeichnet. Zwischen den Personen bestehen Wechselwirkungen. Im vorliegenden Fall darf die Beeinflussung der Klientin durch ihr Exosystem nicht vernachlässigt werden. Dass ihr Vater strikte gegen den Aufenthalt im Sonderschulheim ist hat auf die Klientin einen Einfluss, obschon der Vater in der Situation unterstützend für den Heimaufenthalt wirkt. Die Klientin kennt jedoch seine Meinung und bildet sich ihre Meinung auf Grund seiner Meinung.

Ein Mensch entwickelt sich in ökologischen Übergängen, wobei es wichtig ist, dass diese gut gelingen. Die Klientin steckt zurzeit mitten in einem Übergang, wo sie sich einen neuen Lebensbereich, mit neuen Rollen aneignen muss. Auf die vorliegende Situation übertragen, hilft die Theorie Bronfenbrenners die Tragweite der Veränderung für die Klientin nachzuvollziehen. Der Eintritt ins neue Heim ist für die Klientin ein schwieriger Übergang, der viel Unsicherheit mit sich bringt, neue Rollen beinhaltet und der viele Veränderungen im Mikrosystem mit sich bringt. Sie muss sich in diesem neuen Mikrosystem einleben und einfinden. Dies ist eine grosse Herausforderung, die auch Angst machen kann. Sich neue Rollen aneignen, neue Freunde finden, neue Beziehungen aufbauen ist ein aufwendiger Schritt, welcher mit der richtigen Motivation besser gelingt. Dieser muss entsprechend von den PSA begleitet werden. (Flammer A. 2004; 203ff)

John Bowlbys Bindungstheorie ist der Auffassung, dass frühkindliche Erlebnisse ein Schlüssel zur Erklärung der gesamten weiteren Entwicklung eines Menschen sind. Mit der Bindungstheorie erläutert Bowlby wie durch allgemeine Trennungs- und Verlusterfahrungen Emotionen wie Angst, Wut, Depression etc. entstehen können. Die frühkindlichen Bindungen wie zum Beispiel jene zu den Eltern, werden gewöhnlich durch weitere Bindungen ergänzt und in nur sehr seltenen Fällen ersetzt. Intensivste Emotionen stehen in Zusammenhang mit unseren Bindungsbeziehungen. Gefühle der Freude werden durch die Erneuerung einer Bindung ausgelöst. Gefühle der Sicherheit begleiten eine aufrecht erhaltene Bindung. Wut, Angst und Kummer gehören zum drohenden oder tatsächlichen Verlust einer Bindung. Je mehr Erlebnisse mit einer Person geteilt werden, desto tiefer wird die Bindung an diese Person – diejenige Person, die sich hauptsächlich um die Bedürfnisse des Kindes kümmert, wird zur Hauptbindungsfigur werden. In der Regeln die Mutter. Das Kind kehrt zur Mutter oder zu anderen Bindungsfiguren zurück, wenn es müde wird oder Angst hat. Der Kontakt zur Bindungsfigur wird aber die ganze Zeit auf je verschiedene Arten aufrechterhalten und bei Entfernung dieser Person werden spezifische Muster angewendet. 

Das Verhalten der Eltern hängt stark davon ab, ob sie das Bedürfnis des Kindes nach einer sicheren Basis anerkennen, respektieren und ihr Handeln danach richten. Eine der häufigsten Ursachen kindlicher Wut-, Angst- und Frustgefühle ist die Enttäuschung des kindlichen Wunsches nach Sicherheit und unerschütterlicher Liebe der Eltern. Für Kinder ist es schwierig ein sicheres Bindungsverhalten zu entwickeln, wenn es häufige oder lange Unterbrechungen in der Eltern-Kind- Beziehung gibt. Die Folgen können eine Angstbindung  sein, wo beim Kind eine ständige Angst ausgelöst wird, ihre Bindungsfigur zu verlieren. Wenn das Verhalten der Klientin in der vorliegenden Situation nach der Bindungstheorie von Bowlby beurteilt wird, kann ihr Klammern an den Vater ein Ausdruck einer Angstbindung sein, die auf Grund einer unsicheren Bindung in der Kindheit auftaucht. Bekannt ist, dass die Mutter sehr wenig Zeit für ihr Kind hatte und immer noch kaum Zeit hat und dass das Mädchen vor ihren Heimeintritten bei der Mutter lebte. Sie musste als Kleinkind die Trennung ihrer Eltern hinnehmen, was durchaus eine unsichere Bindung nach sich ziehen konnte. Bei Angst und Müdigkeit will das Kind zu seinen primären Bezugspersonen. Dies zeigt sich durch das Davonlaufen der Klientin. Sich erneut auf neue Beziehungen einlassen und der Verlust der alten löst bei ihr Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Neuen aus. Da im Sonderschulheim keine ihr bekannten Personen anwesend waren, könnte eine Angst alleine gelassen zu werden ihr Davonlaufen provoziert haben. Nun soll sie bei einer Person, die sie kaum kennt bleiben, dies löst erneut die Angst aus, dass sie alleine gelassen wird. Hier ist es wichtig ihr zu zeigen, dass jemand für sie da ist, dass sie nicht alleine ist. Die Verzweiflung des alleine gelassen sein kann Wut und Gegenwehr auslösen. (Müller 2004 / Wikipedia Bindungstheorie 2014)

Das Transaktionale Stressmodell von Lazarus sieht Stresssituationen als komplexe Wechselwirkungsprozesse zwischen den Anforderungen der Situation und der handelnden Person. Hierbei ist die subjektive Bewertung durch den Betroffenen von Bedeutung. Situationen können nach Lazarus als positiv, irrelevant oder potenziell gefährlich (stressend) bewertet werden, als Herausforderung, als Bedrohung oder als Schädigung/Verlust. Der Umgang mit dem Stress wird als Coping bezeichnet was sich in verschiedenen Verhaltensweisen äussern kann (Aggression, Flucht, Verhaltensalternativen, Verleugnung der Situation). Mit der Zeit lernt die betroffene Person über Rückmeldungen mögliche Bewältigungsstrategien selektiv einzusetzen. Lazarus unterscheidet drei Arten von Stressbewältigung (Coping). Problemorientiertes Coping: K versucht durch Informationssuche, direkte Handlungen oder auch durch Unterlassen von Handlungen Problemsituationen zu überwinden oder sich den Gegebenheiten anzupassen. Emotionsorientiertes Coping: Es wird in erster Linie versucht, die durch die Situation entstandene emotionale Erregung abzubauen. Bewertungsorientiertes Coping: Die Stresssituation wird neu bewertet. Das Ziel ist es eine Belastung eher als Herausforderung zu sehen.

Angewendet auf die Situation der Klientin wird deutlich, dass sie sich in einer Stresssituation befindet. Stress kann zudem viele Symptome hervorrufen, wie z.B. dass kein klarer Gedanke mehr gefasst werden kann. In der Stresssituation fühlt sich die Klientin hilflos, fremdbestimmt, verzweifelt, was sie noch viel stärker in die Stressspirale kommen lässt. Sie kann erst wieder aus der Stressspirale aussteigen als sie gehalten wird. Mit dem ihr gewährten körperlichen Schutz, kann sie neue Gedanken zulassen und zur Ruhe kommen. Die Klientin konnte mir im Nachhinein sagen, dass sie sich so nicht kennt und dass es ihr schrecklich Leid tut. Ihre emotionale Erregung war in dieser Situation so hoch, dass sie sich nur noch wehren konnte und es keine Möglichkeit gegeben hat sie abzulenken oder ihr zu helfen (Wikipedia Stressmodell von Lazarus 2014)

 

5.2      Interventionswissen – Wie kann ich als professionelle Fachperson handeln?

Haim Omer: Das Konzept der elterlichen Präsenz setzt auf der Seite der Eltern an. Wertschätzung für beide Konfliktparteien ist jedoch die unverzichtbare Grundlage. Es geht darum, Eltern zu elterlicher Autorität ohne Gewalt zu verhelfen. Erniedrigung des Kindes soll dabei vermieden werden. Elterliche Präsenz setzt auf mindestens vier Ebenen an: in der räumlichen Dimension (ich bin anwesend), in der zeitlichen Dimension (ich nehme mir Zeit für dich), in der strukturellen Ebene (ich bringe meine Regeln als Vater/Mutter zur Geltung), auf der Beziehungsebene (ich kontrolliere und beaufsichtige mein Kind in den Bereichen in denen es notwendig ist). Verzichtet wird auf Belehrungen, Beschimpfungen, Beleidigungen, aber auch der Verzicht auf das Überzeugen wollen. Die Aktionen sind geplant und vorbereitet und werden nicht alleine durchgeführt. Es geht darum die Präsenz als Eltern deutlich zu machen. 

Die Haltung des Konzeptes der elterlichen Präsenz lässt sich gut auf solche Situationen anwenden, wie die vorliegende. Wichtig ist die hundertprozentige Anwesenheit und Präsenz, welche dem Kind zeigt, ich bin da für dich, du bist mir wichtig, ich mache mir Sorgen um dich, ich will dich schützen. Das Halten des Mädchens ist sowohl im Moment als der Vater das Haus verliess als auch später im Zimmer sicher nicht nach dem Konzept der elterlichen Präsenz, da dort das Kind immer einen Ausweg haben soll. Das kurze Halten beim Abschied unterstrich die Meinung des Vaters und der PSA, dass die Klientin nun da bleiben muss. Hier könnten für die Zukunft andere Möglichkeiten gesucht werden. Das Halten im Zimmer zeigte dem Mädchen deutlich, trotz seiner emotionalen Erregung, da ist jemand, der hält mich, der hält zu mir. In dieser Situation erscheint das Halten als gute Möglichkeit die Worte zu verstärken und für die Klientin in diesem Moment ‚hörbar‘ zu machen. Dass die Klientin der PSA im Nachhinein vertraut und ihre Nähe sucht ist verständlich, da sie diese Person als präsent und engagiert für sie erlebt hat. Das anwesend/da sein für das Kind gibt ihm grosse Sicherheit gerade auch für spätere Erlebnisse oder Stresssituationen. Da jedoch die PSA nicht immer dieselbe ist, ist es von grosser Wichtigkeit, dass auch die anderen Mitarbeitenden ihre Präsenz zeigen und eine Beziehung zum Kind aufbauen (Omer 2010)

Wenn wir auf das operante Konditionieren zurück schauen, ist es von grosser Wichtigkeit, das die Klientin ihr Verhalten nicht mehr als lohnend erlebt und dieses so verändern kann, dass sich das Hierbleiben lohnt. Somit war es richtig, dass die Klientin mit allen Mitteln auf der Wohngruppe gehalten wurde. Allenfalls gäbe es im Wissen um die Möglichkeit des Davonlaufens und dass sie ihren Vater unter Druck setzt andere Möglichkeiten das Hierbleiben attraktiv zu gestalten, indem z.B. der Vater zu Besuch kommt, wenn alles gut klappt. Die Handlungen der Professionellen der Sozialen Arbeit sollten darauf abzielen einen neuen Umgang zu lernen mit Heimweh.

* Virginia Satir bezeichnet das kongruente Kommunikationsmuster als Idealfall. Dies ist das Muster, welches in der Arbeit mit der Klientel angewendet werden sollte. Es soll eine gesunde Konfrontation oder die Lösung eines Konfliktes möglich werden. Die Worte müssen genau das widerspiegeln, was du fühlst, dass dein Körper und dein Gesichtsausdruck deinen Worten entsprechen und dass dein Verhalten mit all dem übereinstimmt. Kongruentes Verhalten ist klar, offen und bewusst. Die Person drückt sich verständlich und direkt aus und benennt Abstraktes konkret und eindeutig. 

In Hinblick auf die Kommunikation in der vorliegenden Situation sind genau diese Punkte von grosser Bedeutung. Durch das ruhige sprechen mit der Klientin vermittelt die Professionelle der Sozialen Arbeit Ruhe und Gelassenheit. In der Situation nützte jedoch auch das kongruente Verhalten wenig, da die Klientin nicht ansprechbar war. Die kongruente Haltung und Handlung konnte sie jedoch sehr wohl beeinflussen. Durch das Halten beim Abschied wurde ihr deutlich gemacht, dass sie bleiben muss. Durch das Halten im Zimmer spürte sie, dass sie hier gewollt ist, dass jemand zu ihr hält. (Wikipedia Virginia Satir 2014)

 

5.3      Erfahrungswissen – Woran erinnere ich mich, was kenne ich aus ähnlichen Situationen?

Für Kinder und Jugendliche ist das Fuss fassen in einer derart grossen Institution wie die vorliegende schwierig und es braucht die Bereitschaft sich darauf einzulassen. Die Klientin musste innerhalb von zwei Jahren bereits in der dritten Institution Fuss fassen, sich einlassen, neue Personen kennen lernen und neue Beziehungen knüpfen. Dies ist eine riesige Herausforderung, die Ängste auslösen kann und die viel Energie und Offenheit der Klientin benötigt.

Wie bereits in anderen Situationen erlebt, wo Kinder und Jugendliche nach Hause gelaufen sind, ist es wichtig, dass diese so bald wie möglich wieder zurückkommen. Es besteht die Gefahr, dass sie das nach Hause laufen als Belohnung erleben und es nach einem ersten Mal immer wieder machen. Somit ist es wichtig, das Davonlaufen als so wenig lohnend wie möglich zu gestalten und andere Verhaltensweisen bei Stress lohnender zu machen.

Wenn Kinder und Jugendliche sich derart in eine Haltung/eine Idee hineinsteigern, kann es sein, dass sie nicht mehr klar denken können und dass sie keinen anderen Gedanken mehr denken können, ausser dem gerade vorherrschenden. In dieser Situation war es für die Klientin unmöglich einen anderen Gedanken zu fassen als, dass sie nun einfach nach Hause gehen möchte.

Eltern, die nicht voll hinter der Heimunterbringung stehen, wie in diesem Fall der Vater, bringen die Kinder und Jugendlichen in einen Konflikt und es wird für sie viel schwieriger einzusteigen und sich auf das Leben im Internat einzulassen.

Das Zurückkommen und die erneute Konfrontation mit den restlichen Kindern und Jugendlichen der Gruppe ist eine Herausforderung, die gute Begleitung bedarf. Je nach Gruppenkonstellation ist dies einfacher oder schwieriger und ist meist mit Herabsetzung verbunden. Weil die Klientin die anderen Kinder und Jugendlichen noch wenig kennt, ist es für sie eine grosse Herausforderung.

Für viele Eltern ist das ‚auf Wiedersehen‘ sagen genauso schwierig, wenn nicht sogar schwieriger als für die Kinder selbst. Ein kurzer Abschied erleichtert den Abschied und schwächt das Heimweh ab. Wichtig ist, dass jemand von den Professionellen der Sozialen Arbeit anwesend ist und das Kind in den Alltag der Institution begleiten kann.

Die Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen ist ein wichtiges Arbeitsinstrument der Professionellen der Sozialen Arbeit. Eine gute stabile Beziehung kann viele Probleme vermeiden, abschwächen und besser, vertrauensvoller auffangen.

 

5.4      Organisations- und Kontextwissen – Welche Rahmenbedingungen beeinflussen mein Handeln?

Die Klientin wechselte innerhalb von zwei Jahren das dritte Mal die Institution.

Im Falle des Mädchens besteht ein Obhutsentzug. Die KESB verfügt als Aufenthaltsort das Sonderschulheim. Die Mutter ist damit einverstanden, der Vater ist dagegen und geht gerichtlich gegen den Entscheid vor.

Die Klientin ist erst seit einer Woche im Sonderschulheim.

Die Klientin ist bereits in den vorangehenden Institutionen mehrmals davongelaufen. Teilweise lief sie nach Hause zu ihrem Vater, teilweise in ein abgemachtes Versteck, wo sie sich beruhigen konnte.

 

5.5      Fähigkeiten – Was muss ich als professionelle Fachperson können?

Die Situation erfordert viel Ruhe von der PSA.

Dem Kind Sicherheit und Geborgenheit vermitteln können.

Empathie und Einfühlungsvermögen zeigen.

Sich 100% auf die Situation, das Kind und den Vater konzentrieren können.

Dran bleiben, standhaft sein. Mitfühlen ohne Mitschwingen.

 

5.6      Organisationale, infrastrukturelle, zeitliche, materielle Voraussetzungen – Womit kann ich handeln?

Ich arbeite bereits seit zehn Jahren im Internat, bin ausgebildete Sozialpädagogin und traue mir selbst die Bewältigung einer solchen Situation zu.

Wenn ich alleine nicht mehr zurechtkomme, habe ich die Möglichkeit Hilfe zu holen. Dieses Wissen gibt Sicherheit.

Dadurch, dass wir in den meisten Fällen zu zweit arbeiten, ist es möglich sich in einer solchen Situation zu 100% einem einzelnen Kind zu widmen.

Der Vater brachte die Klientin zum Zeitpunkt zurück, als die anderen Kinder und Jugendlichen auf die Gruppe zurückkehrten. Dies hatte zur Folge, dass es lebendiger und weniger ruhig war auf der Gruppe.

Ich will und darf kein Kind alleine in ein Zimmer sperren. Die Fenster und Türen sind jedoch abschliessbar.

 

5.7      Wertewissen – Woraufhin richte ich mein Handeln aus? Welches sind die zentralen Werte in dieser Situation, die ich als handelnde Fachperson berücksichtigen will?

Ein für mich als PSA sehr wichtiger Wert, welcher jedoch in dieser Situation nicht zum Tragen kam, ist die Berücksichtigung der Meinung der Kinder und Jugendlichen. Sie sollen ihr Selbstbestimmungsrecht ausüben können wo möglich. In dieser Situation konnte dieser Wert nur sehr bedingt zum Tragen kommen. Erst in der Beruhigungsphase konnte die Professionelle der Sozialen Arbeit auf die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes eingehen.

Schutz der anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Ich habe den Auftrag die Kinder und Jugendlichen zu schützen und sie bestmöglich in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Berufskodex Avenir Social

  • Der Klientin wird Vertrauen, Nähe und Beziehung angeboten indem ihr Sicherheit und Präsenz, wie auch Schutz gewährt wird.
  • Der Klientin werden Hilfen angeboten, beim sich von den Eltern verabschieden oder bei Heimweh.
  • Die Klientin wird in Entscheidungen mit einbezogen.
  • Die Klientin wird in Stresssituationen unterstützt und kann sich beruhigen. 
  • Die Klientin wird darin unterstützt sich im Rahmen der neuen Situation zurechtzufinden und sich zu integrieren und Beziehungen aufzubauen.

Inwiefern wird der Klientin Vertrauen, Nähe und Beziehung angeboten indem ihr Sicherheit und Präsenz, wie auch Schutz gewährt wird?

  • Indem die PSA in der vorliegenden Situation die Möglichkeit wahrnahm und sich voll auf das Mädchen konzentrieren konnte, konnte sie ihm Nähe anbieten. Sie versuchte Vertrauen und Beziehung anzubieten, indem sie ihr gut zusprach, sie versuchte zu beruhigen und für sie da war. Die PSA war bemüht ein kongruentes Verhalten zu zeigen. 
  • Die PSA schützte das Mädchen vor Verletzungen indem sie sie in ihrem Zimmer festhielt. Dies schaffte zusätzliche Nähe. In der Annahme, dass die Klientin keinen klaren Gedanken mehr fassen kann und sich in einer Stresssituation befindet, wurde die Grenzen von Nähe und Distanz übergangen, welche als Professionelle der Sozialen Arbeit das Halten von Klienten als zu Nahe definiert. Das Halten im Zimmer stärkte das Vertrauen der Klientin in die PSA und sorgte für die nötige Ruhe/Beruhigung.
  • Die Klientin muss eine sehr schwierige Situation meistern, einen schwierigen ökologischen Übergang bewältigen und braucht darin viel Sicherheit. Diese Sicherheit, dass jemand für sie da ist und die totale Präsenz der PSA wurden in dieser Situation stark wahrgenommen und halfen die Situation zu beruhigen. Auch nachdem sich die Klientin etwas beruhigt hatte, blieb die PSA bei ihr und begleitete sie  bei der Wiedereingliederung in die Gruppe.

Inwiefern werden der Klientin Hilfen angeboten beim sich von den Eltern verabschieden oder bei Heimweh?

  • In der aktuellen Situation wurden der Klientin verschiedenen Möglichkeiten vorgeschlagen sich von ihrem Vater zu verabschieden. Auf Grund ihrer emotionalen Verfassung war es ihr nicht möglich sich auf diese einzulassen. Die Hilfsangebote konnten nicht so angebracht werden, dass sie von der Klientin aufgenommen und gehört wurden. Schliesslich wurde die Klientin von der PSA körperlich daran gehindert das Haus mit ihrem Vater zu verlassen, indem sie sie hielt als der Vater nach Hause ging. Somit wurde dieser Qualitätsstandard in der vorliegenden Situation nicht erfüllt. Für zukünftige schwierige Situationen sollte diesem jedoch bereits präventiv ein hoher Stellenwert beigemessen werden. Der Klientin sollten Hilfen angeboten werden, solange sie noch ruhig und ansprechbar ist.

Inwiefern wird die Klientin in Entscheidungen mit einbezogen?

  • In der akuten Situation, in welcher sich die Klientin gegen die Verabschiedung von ihrem Vater sträubte, wurde sie nicht mit einbezogen. Von ihrer Verfassung her, wäre dies kaum möglich gewesen. Wie im späteren Gespräch herausgefunden wünscht sich die Klientin einen langsameren Abschied einerseits, andererseits möchte sie, dass ein Abschied zackig zu Ende ist. 
  • Im Späteren wieder auf die Gruppe zugehen, ging die PSA stark auf die Meinung und Ideen der Klientin ein. Es war ihr wichtig, dass die Reintegration in einem Tempo geschah, das für die Klientin stimmte. Der Wichtigkeit vom Wohlbefinden der Klientin wurde ein hoher Wert beigemessen.

Inwiefern wird die Klientin in Stresssituationen unterstützt und kann sich beruhigen?

  • Die Klientin kam bereits in einer Verfassung zurück, in der es kaum möglich war mit ihr zu sprechen. Die Versuche sie zu unterstützen, dass sie sich beruhigen kann, scheiterten alle. Das schlussendliche Halten, löste einen Zusammenbruch aus, welcher die Beruhigung schliesslich herbeiführte. Die haltende Unterstützung in dieser Stresssituation war die einzige Möglichkeit die Stresssymptome der Klientin zu durchbrechen.

Inwiefern wird die Klientin darin unterstützt sich im Rahmen der neuen Situation zurechtzufinden und sich zu integrieren und Beziehungen aufzubauen?

  • Durch die Präsenz und die aktive Begleitung der PSA in der Situation, wo sich die Klientin wieder öffnet und bereit ist, sich mit anderen Personen abzugeben und sich in der Gruppe zu integrieren, konnte dieser Schritt mit viel Ruhe in angemessener Zeit gemacht werden. So konnte die Klientin am Ende des Tages mit einem guten Gefühl ins Bett gehen.

Auf Grund der Erarbeitung dieser Schlüsselsituation wurde der PSA die Heftigkeit der Situation und der einschneidenden Handlung des Haltens des Mädchens stärker bewusst. Die für die PSA unklare Frage, ob das Halten des Mädchens gerechtfertigt war oder nicht, konnte für sie geklärt werden. Für die handelnde PSA gilt das Halten von Klienten nach wie vor als nicht professionelle Nähe, doch sieht sie verschiedene Begründungen, weshalb es in verschiedenen Situationen angebracht sein kann. In einer nächsten solchen Situation würde sich die PSA erneut für das Halten des Kindes entscheiden, dies jedoch mit vermehrtem Theoriehintergrund und stärker reflektiertem Verhalten. Wichtig ist in erster Linie, einer erneuten derartigen Situation mit der Klientin vorzubeugen. Im Gespräch, allenfalls einem Rollenspiel mit ihr, können Handlungsalternativen gesucht werden. Es ist hierbei wichtig die Meinung  der Klientin mit einzubeziehen und eine für sie passende Lösung zu finden. Eine Möglichkeit wäre mit der Klientin einen Rückzugsort zu definieren, wenn es ihr zu viel wird, oder ein Zeichen abzumachen, welches klar macht, dass sie Heimweh hat, am liebsten weglaufen würde. Zudem gäbe es die Möglichkeit den Abschied vom Vater oder auch von der Mutter bewusst vor zu besprechen, zu üben (z.B. Rollenspiel, Belohnungssystem) und mit der Klientin heraus zu finden, was für sie angenehmer ist. Hat sie lieber einen kurzen Abschied? Soll sich der Vater Zeit für sie nehmen? Wie soll dies aussehen? Es ist wichtig, dass das Mädchen selbst herausfinden kann, was ihr hilft, was sie unterstützt und auch was den Abschied für sie schwieriger macht und was ihr Mühe bereitet. So konnte zum Beispiel mit ihr herausgefunden werden, dass das Abschied nehmen einfacher ist, wenn zu Hause die Mutter/der Vater Zeit für die Klientin hat und wenn vor dem Heimeintritt z.B. am Sonntag nur wenig Programm ansteht. Allenfalls braucht die Klientin einen kurzen körperlichen Kontakt von den PSA, um die erfahren, dass sie in der Gruppe gut aufgehoben ist, wenn die Eltern weggehen. Ein Punkt, welcher in der Reflexion stark zum Vorschein kam ist, dass die Klientin das Vertrauen, die Beziehung zu den Handelnden der Sozialen Arbeit braucht. Es ist jeweils von hoher Wichtigkeit bei neueintretenden Kindern und Jugendlichen so bald wie möglich eine Vertrauensbasis zu schaffen und die Beziehungen einzugehen und zu gestalten von Seiten der PSA. Im Falle dieser Klientin ist es von hoher Wichtigkeit diese Beziehung nun zu festigen und weiter aufzubauen. Da offensichtlich für die Klientin Beziehungen wichtig sind, ist es für die anderen PSA’s wichtig eine Beziehung zur Klientin aufzubauen. Es wurde erneut deutlich, dass die Präsenz der PSA und das für die Klienten da sein ein wichtiger Punkt in der Sozialen Arbeit darstellt. Die Präsenz vermittelt Sicherheit, kann Schutz sein und bietet Halt für Kinder und Jugendliche in unsicheren Situationen. Durch die Präsenz können sie Entwicklungsschritte machen. Der Miteinbezug der Meinungen und die Selbstbestimmung von Klienten sollte möglichst berücksichtigt werden. Eine Alternative in der vorliegenden Situation wäre auf den Wunsch der Klientin einzugehen. Was dies jedoch für Signale für die Klientin und den Vater ausgesandt hätte und was es für Folgen gehabt hätte ist schwierig abzuschätzen. Wenn davon ausgegangen wird, dass das Davonlaufen ein gelerntes Verhalten ist, wäre es eher kontraproduktiv ihrem Druck nachzugeben. Jedoch im Sinne der Selbstbestimmung wäre es wichtig auf die Meinung der Klientin zu hören. Weiter ist die Zusammenarbeit mit den Eltern und früheren Bezugspersonen von grosser Wichtigkeit. Diese sollen auch mit einbezogen werden, wenn es gut läuft. Regelmässiger Kontakt mit dem Vater ausserhalb von Schwierigkeiten und Krisen kann die Klientin helfen andere Verhaltensmuster aufzubauen. Am Schluss dieser Besuche kann die Klientin zudem den ruhigen Abschied vom Vater üben.

E. TOV, R. KUNZ, A. STÄMPFLI (2013) Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit, Professionalität durch Wissen, Reflexion und Diskurs in Communities of Practice, Bern Hep Verlag AG ISBN 978-3-03905-962-1

J.E. MAZUR (2004) Lernen und Gedächtnis, 5., aktualisierte Auflage, Pearson Studium München          ISBN 3-8273-7086-8

A. FLAMMER (2004) Entwicklungstheorien, psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung, 3., korrigierte Auflage, Hans Huber Verlag

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