Kritische Situationen begleiten/Jugendwohnheim

Stichwörter:

  • SP und Klient befinden sich in einer 1 zu 1 Situation. 
  • Klient ist in einer Situation, die ihn überfordert. 
  • Die Situation trifft unerwartet und plötzlich ein. 
  • Sofortige Reaktion von SP ist erforderlich. 
  • Private Probleme/Angelegenheiten des Klienten sind an der aktuellen Situation beteiligt und müssen beachtet werden.

Die Situation findet in einem sozialpädagogisch, betreuten Jugendwohnheim statt. Die Jugendlichen sind zwischen 15J. und 19J. alt. Ziel ist es, die Jugendlichen soweit zu fördern, dass sie sowohl im beruflichen wie im privaten Umfeld ihren Möglichkeiten entsprechend, selbständig bestehen können. Es werden die Ressourcen des Jugendlichen und des Familiensystems gestärkt, da eine Reintegration ins Herkunftsmilieu angestrebt wird. Dabei wird intern und extern vernetzt gearbeitet.

Die Situation spielt sich an einem gewöhnlichen Wochenabend ab. Nach dem Abendessen geht der Klient mit einer Jugendlichen, welche ebenfalls auf der Gruppe lebt, in die Stadt. Er kommt völlig aufgebracht und gestresst zurück.

Erste Sequenz: Konfrontation mit dem Problem

Der Jugendliche, welcher seit einigen Wochen im Jugendwohnheim lebt, kommt nach einem Alltagsausgang völlig aufgebracht zurück. Er verhält sich sehr gestresst und hat kaum Zeit der ankommenden SP guten Abend zu sagen. Die SP möchte, dass der Jugendliche sich etwas beruhigt und ihr die Situation versucht zu erklären, damit sie ihm gegebenenfalls helfen bzw. unterstützen kann. Die SP geht auf den Jugendlichen zu und sagt ihm zuerst ruhig guten Abend. Sie fragt weiter, warum er so aufgebracht nach Hause komme, ob irgendetwas passiert wäre? Der Jugendliche, immer noch völlig aufgebracht und gestresst antwortet, dass er nun keine Zeit hätte zum Reden, er müsse nach Hause bzw. ins Spital, sein Vater liege im Sterben, er müsse jetzt gehen. Der SP wurde klar, dass der Jugendliche  ein nicht sehr erfreuliches Telefonat mit seinem Vater hatte, was ihn völlig aus der Bahn geworfen hat.

Reflection in Action

  • Emotion Klient/in: Verzweifelt, Angst um seinen Vater, beunruhigt.
  • Emotion Professionelle/r: Beunruhigt, unsicher, wie kritisch ist die Situation tatsächlich?
  • Kognition Professionelle/r: SP weiss über die Krankheit seines Vaters Bescheid. Er ist unheilbar krank mit noch einigen  Jahren Lebenserwartung. Die SP befindet sich im Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle. Handelt es sich tatsächlich um eine dramatische, schlimme Situation, die erlaubt Regeln zu brechen?

 

Zweite Sequenz: Kontaktabbruch

Da es der SP nicht gelingt, nach mehrmaligem Nachfragen, den Jugendlichen zu beruhigen, zieht sie sich einen Moment aus dem Geschehen zurück. Bewusst teilt sie den anderen Jugendlichen mit, dass sie kurz im Büro sei, sie aber kommen sollen, wenn etwas vorfällt. Da die SP noch neu und alleine am Arbeiten ist, reflektiert sie für sich die Situation. Um nichts falsch zu machen und bestmöglich reagieren zu können, ruft sie den zuvor arbeitenden Teamkollegen an, der gerade eben gegangen ist. Dieser ist die Bezugsperson vom Jugendlichen und kennt diesen sehr gut. Die SP ruft den Teamkollegen an, um nach Rat zu fragen. Der Teamkollege verhält sich beratend und beruhigt die arbeitende SP am Telefon. Er sagt ihr, was sie machen kann und soll.

Reflection in Action

  • Emotion Klient/in: Wach, sicher.
  • Emotion Professionelle/r: Unruhig, hilflos, unsicher.
  • Kognition Professionelle/r: Reflektiert die Situation und versucht alle vorhandenen Infos mit der Geschichte des Jugendlichen in Verbindung zu bringen, um den Jugendlichen  bestmöglich zu unterstützen. SP kann kurz einen Ablauf erdenken, der gewinnbringende Ereignisse mit sich ziehen könnte

 

Dritte Sequenz: Erneute Kontaktaufnahme

SP verlässt den Teamraum und sucht den Jugendlichen auf der Gruppe. Sie trifft ihn im Wohnzimmer der Gruppe an, sieht aber, dass er am Telefon ist. An der Verhaltensweise des Jugendlichen ist zu erkennen, dass dieser vermutlich mit seinem Vater am Telefon ist. Sie entfernt sich bewusst aus dem Wohnzimmer und geht in die Küche, wo sich andere Jugendliche aufhalten. Die SP erklärt die heikle Situation und bittet um Verständnis. Nach dem Telefonat setzt sich der Jugendliche in die Küche. Die anderen Jugendlichen gehen teilweise auf den Jugendlichen ein und fragen ihn nach seinem Befinden. Er kann sich öffnen und erzählt, was soeben passiert ist. SP ist anwesend aber bewusst im Hintergrund. Sie möchte sich noch nicht beteiligen an der Konversation, da sie das Gefühl hat, der Austausch zwischen den Jugendlichen soll bewusst stattfinden ohne eine SP. Die SP verlässt die Runde, bittet aber den Jugendlichen nach dieser Konversation kurz ins Teambüro zu kommen. Sie legt ihm die Hand auf die Schulter um Anteilnahme und Besorgnis aus ihrer Seite klar zu platzieren. Schaut ihn in die Augen und weiss, er spürt die Besorgnis der SP.

Reflection in Action

  • Emotion Klient/in: Traurig, besorgt, froh über Verständnis der anderen Jugendlichen und der SP.
  • Emotion Professionelle/r: Besorgt, klar, handlungssicher.
  • Kognition Professionelle/r: Anteilnahme an der Situation. Möchte die Situation mit dem Jugendlichen X bereden und reflektieren.

 

 

Vierte Sequenz: Abschluss

Der Jugendliche hat die SP wahrgenommen und respektiert. Er kommt nach Bedürfnis ins Teambüro. Die SP begrüsst ihn und äussert ihre Anteilnahme und Besorgnis. Sie erklärt dem Jugendlichen, dass es wichtig ist, über dieses Ereignis zu sprechen, sodass gemeinsam eine Lösung gefunden werden kann. Der Jugendliche ist trotz seiner Traurigkeit sehr kooperativ. Er beginnt zu erzählen und schildert die Situation. Die SP fragt gezielt nach, als der Jugendliche erzählt. Es wird klar festgehalten, wann, wie und wo der Jugendliche seinen Vater sehen kann. Der Jugendliche zeigt sich einsichtig. Die SP versucht danach den Jugendlichen abzulenken und spricht andere Dinge an. Der Jugendliche kann sich bedingt entspannen und für einen Moment vergessen. Ruhiger und zufriedener verlässt er das Büro und gesellt sich zu den Anderen. Die SP geht ab und an in die Küche oder Wohnzimmer, um sicher zu gehen, dass die Stimmung ruhig und gut bleibt.

Reflection in Action

  • Emotion Klient/in: Traurig, besorgt, verständnisvoll, fühlt sich sicherer als zuvor.
  • Emotion Professionelle/r: Klar, SP ist beruhigt, dass es nicht schlimmer steht um den Vater. SP ist froh, nahm die Situation vorerst ein gutes Ende.
  • Kognition Professionelle/r: Anteilnahme und Besorgnis von SP kann geäussert werden. Gibt dem Klienten bewusst Raum, um seine Gedanken und Gefühle zu platzieren. Ablenkung vom Problem ermöglicht X kurzzeitige Entspannung, was ihn beruhigt.

 

 

 Weitere Sequenzen

Reflection in Action

  • Emotion Klient/in: …
  • Emotion Professionelle/r: …
  • Kognition Professionelle/r: …

5.1      Erklärungswissen – Warum handeln die Personen in der Situation so?

Warum ist der Klient so gestresst?

  • Die psychologische Stressforschung zeigt, dass Stress dann eintritt, wenn das verfügbare Bewältigungspotenzial eines Menschen für gewisse Anforderungen nicht ausreicht. Anforderungen können als Stressoren oder Stressauslöser bezeichnet werden. Dazu gehören allgemein ausgedrückt, Entwicklungsaufgaben, kritische Lebensereignisse und Alltagsstressoren. Wenn ein Jugendlicher mit stressauslösenden Faktoren konfrontiert wird, und nicht in der Lage ist, adäquat darauf zu reagieren, kann dies zur Bildung von Stresssymptomen führen. Die Stressreaktion spielt sich auf körperlicher oder emotionaler Ebene, in Gedanken, sowie im Verhalten ab. Das heisst in Stresssituationen enthält jeder dieser Bereiche typische Veränderungen (vgl. Hebold 2004: 83). In der beschriebenen Situation erhält der Klient ein unerfreuliches Telefonat, welches bei ihm Stress auslöst, er weiss nicht, wie er adäquat darauf reagieren kann und ist deshalb gestresst.

     

  • Nach der Theorie von U. Bronfenbrenner betrachtet man den Mensch und seine Umwelt als Gesamtsystem, welches in fünf Systeme unterteilt ist, die in einer Wechselwirkung zueinander stehen (vgl. Bronfenbrenner in Flammer 2005: 203- 215). Übertragen auf die beschriebene Situation hat dies folgendes zu bedeuten: Geht es dem Vater des Klienten schlecht hat dies demnach Auswirkungen auf den Jugendlichen. Es belastet ihn. Erfährt er vom schlechten Gesundheitszustand des Vaters löst dies in ihm Besorgnis und Angst aus. Sichtbar werden diese Gefühle in einer gestörten Verhaltensweise, die als “Stress” wahrgenommen wird.
  • Nach J. Bowbly kann ein Kind später besser mit Stress und Niederlagen umgehen, wenn es eine sichere Bindung zu seiner Bezugsperson aufbauen kann. Es weiss, wo es Hilfe und Unterstützung holen kann. Übertragen auf die beschriebene Situation hat dies folgendes zu bedeuten: Es ist bekannt, dass die Eltern vom Klient früher stark drogenabhängig waren. Mutter sowie Vater waren während der Entwicklung vom Klienten zu stark mit sich selbst beschäftigt und demnach nur bedingt fähig, für den Jugendlichen zu sorgen. Wenn er eine feste und sichere Bindung zu einer Bezugsperson hätte aufbauen können, hätte das seine Persönlichkeit gestärkt und gefestigt. Da der Jugendliche keine sichere Bindung aufbauen konnte, reagiert er bei Niederlagen und schlechten Nachrichten mit Stress, wird aus der Bahn geworfen und weiss nicht mehr, wie er handeln soll (vgl.  http://www.kindergartenpaedagogik.de/1722.html).
  • Die Sozialisationstheorie nach Hurrelmann bietet einen Erklärungshintergrund dafür, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten. Die Individualität eines Menschen entwickelt sich durch seine genetischen Anlagen einerseits und Umweltbedingungen andererseits. Für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung ist eine den individuellen Anlagen angemessene soziale und materielle Umwelt zentral. Vor allem die Familie wird als wichtige Sozialisationsinstanz angesehen. Die Grundstrukturen der Persönlichkeitsentwicklung werden durch den Kontakt im Elternhaus geprägt. Gestörte Familienverhältnisse können sich negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken (vgl. Hurrelmann 2006: 30). Dieses Wissen dient in der beschriebenen Situation dazu, das Verhalten und die Handlungen des Jugendlichen verstehen zu können. Die Eltern als wichtigste Sozialisationsinstanz leben getrennt und diese Situation scheint sich in gewisser Weise negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auszuwirken. Viele Verhaltensweisen von Kindern werden durch das Verhalten und die Erziehung der Eltern geprägt. Der Jugendliche im Beispiel scheint gar nicht zu wissen, wie er sich in bestimmten Situationen anders verhalten könnte, da er dies nie gelernt hat und es ihm nie vorgelebt wurde. Sein Stressverhalten, welches er bei Feierabend an den Tag legt, könnte damit erklärt werden.
  • Nach der Psychosozialen Entwicklungstheorie nach Erikson wird die menschliche Entwicklung in 8 Stufen eingeteilt. Er geht davon aus, dass der Mensch im Laufe seines Lebens verschiedene Konflikte bewältigen muss. Aus den überwundenen Konflikten geht er gestärkt hervor. Die Abfolge der Stufen ist von der Natur vorgegeben. Die Bewältigung obliegt allerdings dem Individuum (vgl. Erikson 1973: 56ff.). Die Themen dieser Konflikte sind immer im Menschen vorhanden, werden aber zu einer bestimmten Zeit dominant. Dann spricht Erikson von Krisen. Dabei wird ein Teilbereich bewusst und es entsteht eine besondere Verletzlichkeit (vgl. ebd.: 59ff.). Voraussetzung für eine bestimmte Stufe ist immer die Bewältigung der vorhergehenden. Wurde beispielsweise das Urvertrauen auf der ersten Stufe nicht optimal gebildet, bestehen für alle folgenden Stufen erschwerte Bedingungen, was aber nicht zwingend heisst, dass die folgenden nicht trotzdem gut bewältigt werden können.

Übertragen auf die beschriebene Situation hat dies folgendes zu bedeuten: Der Klient befindet sich seinem Alter entsprechend in der 5. Stufe. In dieser Lebensphase geht es darum, seine soziale Rolle zu festigen. Die früheren Kindheitsphasen (Stufen 1-4) werden verknüpft, in denen zuerst der Körper, dann die Eltern führend waren. Der Abschluss jeder Stufe führte zu einem Zuwachs an ICH- Stärke. Da beim Jugendlichen davon ausgegangen wird, dass es ihm während seiner Kindheit nicht möglich war, eine sichere Bindung zu seinen Eltern aufzubauen, kann gesagt werden, dass der Klient die Stufe 3 nicht erfolgreich abgeschlossen hat. In der Stufe 3 entwickelt sich das Kind sehr stark. Das Kind wird gelenkt durch das Gewissen. Entscheidend dabei ist, dass grundlegende Werte zuverlässig sind. Die Bezugspersonen müssen sich an die Regeln, die sie dem Kind setzen, halten, da sie eine grosse Vorbildfunktion haben (vgl. ebd.: 94f.). Werden die Schuldgefühle zu gross, werden diese überkompensiert durch übermässige Initiative und Draufgängertum. Übermässige Initiative und Draufgängertum wird beim Klient  regelmässig nach Feierabend beobachtet. Vom Team, welches vor Ort arbeitet, wird dieses Verhalten als Stress deklariert. Wird dies jedoch nach Erikson erklärt, kann gesagt werden, dass der Klient aufgrund nicht erfolgreichen Abschliessens der Stufe 3 dieses Verhaltensmuster an den Tag legt. Der Heranwachsende denkt, sein Wert bestehe nur in dem, was er leistet und nicht in dem, was er als Mensch ist. Der Jugendliche ist rastlos und muss bevor er nach Feierabend Ruhe findet, seine Präsenz auf der Gruppe mitteilen.

 

5.2      Interventionswissen – Wie kann ich als professionelle Fachperson handeln?

Wie hat die SP in der Situation gehandelt?

 

  • Gesprächsführung nach dem lösungsorientierten Ansatz:

Natürliche Empathie: Die SP sollte sensibel auf die Gefühlswelt des Klienten eingehen können, da er der Experte seiner Lebenswelt ist. Der Klient besitzt das Wissen, welches benötigt wird, um das Problem zu lösen. Die Aussagen des Klienten sollten ganzheitlich aufgenommen werden. So können nicht nur kognitive sondern auch emotionale Aspekte aufgefasst werden. Diese ganzheitliche Wahrnehmung ermöglicht der SP eine empathische und natürliche Reaktion (vgl. de Jong & Berg, 2003: 74). Bezogen auf die beschriebene Situation wird dies gewährleistet, indem die SP die Emotionen (Trauer und Angst um den Vater) wahrnimmt und thematisiert. Der Klient kann seine Gefühlswelt der SP mitteilen, wodurch er sich beruhigen kann.

Zuhören und Schweigen: Die SP soll von ihrem eigenen Bezugsrahmen, ihren Erfahrungen und den daraus resultierenden Wertmassstäben Abstand nehmen, um dem Klienten vorurteilsfrei zuhören zu können. Die SP versucht das Gehörte aus der Perspektive des Klienten aufzunehmen, wobei sie sich auf die Sprache des Jugendlichen einlässt, und besonders subtil hinhört, wenn es um wiederkehrende Aussagen oder sogenannte ‚Schlüsselworte’ geht. ‚Schlüsselworte’ sind bevorzugt verwendete Ausdrücke, Bilder, Metaphern, die bestimmte innere kognitive und emotionale Vorgänge repräsentieren können  (vgl. http://www.nla-schweiz.ch/Download/LoA_im_SP_Kontext.pdf).

  • Krisengespräche nach Wolfgang Widulle

Der erste Schritt im Gespräch besteht darin, die Krise anzuerkennen und das Befinden des Klienten (auch irritierende Äusserungen) zuzulassen und ernst zu nehmen; (…). Das Aussprechen von Ärger, Wut und Trauer ist dabei bereits ein erster Schritt zur inneren Distanzierung. Ein wichtiger Schritt ist hier auch die Deklaration, dass es sich um eine Krise handelt. Es ist zu klären, was für eine Krise vorliegt, wie stark der Klient und sein Umfeld betroffen sind, welche Auslöser zur Krise geführt haben und vor allem, ob das Risiko von impulsiven Handlungen, Selbst- oder Fremdgefährdung besteht. Die SP nimmt den Klienten ernst und nimmt sein Befinden wahr. Sie sucht das Gespräch mit ihm, damit er seine Emotionen (Wut, Ärger, Trauer) ausdrücken kann, weiter fragt die SP was genau passiert ist (vgl. Widulle Wolfgang.2012: 209ff.).

5.3      Erfahrungswissen – Woran erinnere ich mich, was kenne ich aus ähnlichen Situationen?

  • Aus eigenen Erfahrungen, sowie aus denen der TeamkollegInnen ist bekannt, dass es beim Jugendlichen hilft, ihn in Stresssituation zu beruhigen. Bewusst wird die Situation etwas entschärft, indem die SP gegenüber dem Klient ruhig auftritt. Kommt der Jugendliche von der Arbeit und fällt in das Stressverhaltensmuster, kann es hilfreich sein, ihm zu sagen, er solle sich erstmals umziehen und danach etwas zu Abend essen. Dabei wird er von einem/r SP begleitet. Gezielt wird nachgefragt, wie sein Tag war und wie es um sein Wohlbefinden steht. Durch das entstehende Gespräch wird ermöglicht, dass der Jugendliche seine Erfahrungen, Wünsche und Bedürfnisse äussern kann. Stressiges Verhalten kann dadurch vermindert werden und er kann sich etwas entspannen. Es ist sehr wichtig, auf ihn zuzugehen und ihm zu zeigen, dass man sich über seine Anwesenheit freut. Somit wird der Klient wahrgenommen und erfährt durch eine unterstützende Äusserung Beachtung und Wertschätzung.
  • Weiter kann aus eigenen Erfahrungen gesagt werden, dass es gewinnbringender ist, etwas zu bereden, wenn man sich dafür Zeit nimmt und es nicht zwischen Tür und Angel bespricht. Nicht zuletzt kann dadurch einem aufgewühlten Verhalten entgegengewirkt werden. Aufgrund dessen bittet die SP den Klienten ins Büro, um das Problem in Ruhe zu besprechen.
  • Ein bewusstes Zurückziehen von Seiten der SP findet statt, da aus ihrer Erfahrung bekannt ist, dass Probleme vorerst lieber mit Gleichaltrigen ohne erzieherischen Hintergrund besprochen werden. Der Klient kann sich dadurch besser äussern, sowie seine Gedanken ordnen. 
  • Das Telefonat an den Teamkollegen findet statt, da aus Erfahrungen der SP bekannt ist, dass es von Vorteil ist, bei Unsicherheit eine zweite Meinung beizuziehen. Erfahrungen dessen konnten in die bevorstehenden Arbeiten mit einbezogen werden. Dies ermöglichte der SP eine sichere Handlungsweise. Nicht zuletzt ist aus Erfahrungswissen bekannt, dass sich in einer schwierigen Situation nichts besser eignet, als sich an die eigene innere Ruhe zu erinnern und diese das Gegenüber spüren lassen.

5.4      Organisations- und Kontextwissen – Welche Rahmenbedingungen beeinflussen mein Handeln?

  • Ein strukturierter und den Bedürfnissen angepasster Erziehungsrahmen gibt die nötige Orientierung und Sicherheit.
  • Die Stiftung nimmt männliche und weibliche Jugendliche aus erschwerten sozialen Lebenssituationen auf.
  • Der Auftrag der Stiftung ist es, die Jugendlichen mit einer gezielten, professionellen sozialpädagogischen Arbeit zu unterstützen. Die Jugendlichen werden in ihrer Entwicklung und Persönlichkeitsbildung begleitet, sodass sie den ständig wachsenden Ansprüchen der Gesellschaft gewachsen sind.
  • Da systemisch gearbeitet wird, werden Ressourcen des Jugendlichen sowie des Familiensystems gestärkt, wobei interdisziplinär gearbeitet wird. 
  • Eine Reintegration ins Herkunftsmilieu wird angestrebt.

5.5      Fähigkeiten – Was muss ich als professionelle Fachperson können?

  • Eigene wohlwollende, empathische und kommunikative Fähigkeiten in der Arbeit mit Klienten anwenden können. Jeder Klient wird als einzigartige und eigenständige Person betrachtet, wodurch die jeweilige Autonomie und Selbständigkeit gefördert wird. Der Klient wird bei Bedarf in jenen Bereichen unterstützt, in welchen er/sie auf Hilfe angewiesen ist. Im Kontakt mit dem Klienten wird vollumfänglich auf ihn/sie eingegangen. Ersichtlich wurde diese Fähigkeit bei der SP darin, das sie sich bewusst aus der Jugendlichenrunde zurück zieht, und den Klienten bittet, nach Beendung des Gesprächs ins Büro zu kommen. Wohlwollend, respektvoll und empathisch geht die SP auf den Jugendlichen zu.
  • Weiter die Fähigkeit, Gespräche nach Prinzipien des lösungsorientierten Ansatzes führen zu können. Hierbei verhält man sich natürlich und empathisch, wobei die Perspektive des Klienten mit einbezogen wird. Schweigen wird ausgehalten und eine für den Klienten zugängliche Sprache verwendet. Die SP bespricht die kritische Situation mit dem Klienten in einer eins zu eins Situation im Büro, wobei dem Klienten Raum gegeben wird, seine Ängste und Trauer mitzuteilen. Auch die SP äussert natürlich ihre Besorgnis um den Vater. 
  • Ressourcen- und Lösungsorientiertes Arbeiten. Gemeinsam bespricht die SP mit dem Klienten, wie sie vorgehen werden. Es wird klar abgemacht, dass der Klient an diesem Abend nicht mehr ins Spital fährt, um den Vater zu besuchen, sondern dies auf den nächsten Tag verschoben wird. Aufgrund des vorgängigen Telefonats mit dem Vater des Klienten kann sich der Klient mit dieser Abmachung abfinden

5.6      Organisationale, infrastrukturelle, zeitliche, materielle Voraussetzungen – Womit kann ich handeln?

Ein Betreuer ist jeweils zuständig für zwei Jugendliche. Die Jugendlichen haben so eine Person, welche für sie die Hauptperson darstellt und somit für sie zuständig ist. Persönliche Anliegen wie Finanzen, Ziele, Elternarbeit etc. werden mit der Bezugsperson differenziert besprochen und begleitet. Vereinbarungen werden getroffen und festgehalten. Jedes Teammitglied wird eingebunden und handelt transparent, um die Vereinbarungen zu verwirklichen. Dies kann folgende Problematik mit sich bringen: Die Bezugsperson ist nicht immer vor Ort, wenn der Klient auf Hilfe angewiesen ist. Zudem kann eine Antipathie zwischen dem Klienten und der Bezugsperson bestehen, sowie mangelnde Kooperation die Arbeitsbeziehung beeinträchtigen. In diesem Fall kann es sehr schwierig sein, Hilfe anzubieten und einen Zugang zum Klienten zu finden.

 

5.7      Wertewissen – Woraufhin richte ich mein Handeln aus? Welches sind die zentralen Werte in dieser Situation, die ich als handelnde Fachperson berücksichtigen will?

  • Werte werden in der alltäglichen Arbeit mit dem Klienten vermittelt und nahe gebracht. Respekt, Toleranz und Achtung vor dem Anderen stehen hierbei an vorderster Stelle. Neben persönlichen Gesprächen, in welchen das Wertewissen zum Ausdruck kommt, geschieht dies ebenso bei Hinweisungen auf schlechte Manieren bei Tischsituationen oder im alltäglichen Handeln bzw. Leben miteinander. Die Problematik hierbei: Unterschiedliche Werte treffen aufeinander. Dies kann zur Folge haben, dass kulturelle und herkunftsbedingte, also bereits verankerte Werte, in Frage gestellt und diskutiert werden, damit ein gemeinsames und für alle stimmiges Alltagsleben funktionieren kann. 
  • Das humanistische Menschenbild besagt, dass jeder Mensch seine Qualitäten hat, welche es zu fördern gilt und besonders in kritischen Situationen hervorzuheben sind.
  • Weiter ist das Selbstbestimmungsrecht das Recht eines jeden Menschen. Die Autonomie und das Mitbestimmungsrecht eines Klienten stehen somit stets an erster Stelle.
  • Der Berufskodex/ Berufsethik besagt, dass das Selbstbestimmungsrecht der Klienten zu wahren ist. Die Klienten werden in ihrer persönlichen Art respektiert und individuell begleitet. Die Professionellen der Sozialen Arbeit sind sich ihrer Positionsmacht bewusst und gehen sorgfältig damit um.
  • Das zugehörige Menschenbild veranschaulicht somit, dass alle Menschen gleichwertig sind, dass jede Person einzigartig, wertvoll und unverwechselbar ist.
  • Die Problemlage der Klientel wird wahrgenommen und thematisiert – von der SP sowie den anderen Jugendlichen
  • Die Angst und Trauer werden wahrgenommen und finden Platz.
  • Die Bedürfnisse und Wünsche werden ausgesprochen.
  • Eine Sicherheit von der SP wird vermittelt, wodurch der Klient die kritische Situation ordnen kann.
  • Empathie wird vermittelt, ohne dass dies das Nähe-Distanz Verhältnis tangiert.
  • Die eigenen Emotionen werden offen ausgesprochen.
  • Die Autonomie und Selbständigkeit werden gefördert.
  • Es wird ressourcenorientiert gehandelt.
  • Durch Aufmerksamkeit und Empathie wird die Beziehung zum Klienten gestärkt, somit bleibt das Vertrauen erhalten.
  • Es wird auf die individuellen Bedürfnisse des Klienten eingegangen.

Dadurch, dass die SP in diesem Wohnheim neu angefangen hat zu arbeiten und noch nicht einen enormen Erfahrungshorizont mit diesem Klienten aufweist, lernt sie Woche für Woche Neues dazu. Der SP ist es sehr wichtig, dass das Handeln ständig reflektiert und ausgewertet wird. Weiter erachtet sie es als ebenso wichtig, ehrlich mit sich selbst zu sein, sodass Aspekte, welche der SP Mühe bereiten, offen im Team angesprochen werden, um andere Meinungen, Ansichten und Erfahrungen austauschen zu können. Bei einer nächsten Situation kann sich die SP an eigenen oder erzählten Erfahrungen orientieren, wodurch die Handlungsweise klarer und sicherer wird.  Die SP ist der Ansicht, dass sie in diesem Moment das Bestmögliche gemacht und ihres Erachtens gut gehandelt hat. Das Auftreten gegenüber dem Klienten war ruhig und bewusst. Die SP konnte das aufgebrachte Verhalten des Jugendlichen beruhigen. Aufgrund der kurzzeitigen Überforderung hat die SP den Telefonanruf getätigt, um sich Rat bei dem Teamkollegen zu holen, wodurch sie sich in ihrer Haltung unterstützt und somit abgesichert fühlte. Dies ermöglichte ihr ein klares und sicheres Auftreten. Das Gespräch wurde intuitiv geführt und beruhte auf den bereits gemachten Erfahrungen der SP. Zu einem späteren Zeitpunkt besprach die SP die Situation mit dem Team, somit konnte sie  ihr Handeln reflektieren, wertvolle Tipps und andere Erfahrungen aufnehmen und einbauen.

Wenn die SP die Situation nochmals erleben könnte, würde sie Folgendes beachten:

  • Das Gespräch, welches die SP nach Intuition geführt hat, würde sie anders aufgleisen. Die SP hat sich über mögliche Gesprächsmethoden informiert und weiss nun, wie theoretisch ein Gespräch am besten gestaltet wird. Ein Gespräch ist in verschiedene Phasen aufgebaut. Dadurch, dass dies der SP nun bewusst ist, hat sie ein “Orientierungsplan” im Hinterkopf, was ihr ein nächstes Gespräch vereinfacht (vgl. Wolfgang Widulle 2012: 71ff.).
  • Lösungsorientiertes Gespräch (vgl. Wolfgang Widulle 2012: 117ff.) erachtet die SP als geeignet. Dabei würde der Blick darauf gelenkt werden, was der Klient braucht, um Stresssituationen besser bewältigen zu können. Wann gelingt es ihm, mit Stress umzugehen? Blick auf die Arbeit beispielsweise. Da der Klient eine Lehre als Koch absolviert, müssten Stresssituationen zu seinem Alltag gehören. Da der Klient jedoch stets gute Resonanzen erhält, fragt es sich, ob ihm diese Situationen nichts ausmachen und wenn dies so ist, wie er bei der Arbeit damit umgeht. 
  • Da die Stiftung systemorientiert arbeitet und vielfach das Familiensystem mit einbezieht, würde die SP bei einem nächsten Mal nicht lange zögern und ein Telefonat mit dem Vater machen, um von erster Quelle zu erfahren, wie schlimm die Situation tatsächlich ist. Dadurch kann die SP differenzierter auf den Klienten eingehen. Ebenso fühlt sich die SP dadurch beruhigter und sicherer in ihrer Handlungsweise.
  • Mit der theoretischen Auseinandersetzung von Stressverarbeitungen bei Jugendlichen kann die SP mehr Verständnis aufbauen und sich ruhiger und gelassener verhalten. Als geeignetes Buch sieht die SP das Buch von: Lohaus, Arnold (Hg.)/ Seiffge-Krenke, Inge (2007). Stress und Stressbewältigung im Kindes- und Jugendalter. Göttingen: Hogrefe Verlag.
  • Stressbewältigungsstrategien. 1. Problemlösende Strategie: Herausfinden, was genau der Auslöser für den Stress ist und versuchen, etwas daran zu ändern. Das heisst es ist zu erfragen, ob es möglich ist, den Stress gar nicht mehr entstehen zu lassen. Möglichkeiten dafür sind klärende Gespräche, besseres Zeitmanagement, klare Besuchszeiten des Vaters usw. 2. Emotionsregulierende Strategie: Ablenkung, Entspannungsverfahren, damit körperliche und psychische Aufregung gesenkt werden kann (vgl. Hebold 2004: 86). Mit dem Klient Bewältigungsstrategien entwickeln. Was kann der Klient machen um sich in Stresssituationen abzulenken bzw. selbst zu helfen? Bewältigungsstrategien wie beispielsweise Sport machen, Musik hören, Laufen gehen, ein Bad einlassen etc. Wichtig ist dabei, dass die Strategien vom Klienten kommen und nicht von der SP aufgezählt werden. Dem Klienten bei Bedarf Unterstützung anbieten, doch sollte er sie formulieren, da es im Endeffekt für ihn stimmen muss.

  • Bronfenbrenner, Uri (2005). Entwicklungstheorien. In: A. Flammer. Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung (3. Auflage). Bern: Hans Huber. 
  • Erikson, Erik H. (1973). Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
  • Hebold, Gitta (2004). Stress und Stressverarbeitung bei Kindern und Jugendlichen. In: Wolfgang *Schluchter / Andrea Tönjes / Stephan Elkins (Hg.). Menschenskinder! Zur Lage von Kindern in unserer Gesellschaft. Band zur Vortragsreihe des Humanökologischen Zentrums der BTU Cottbus. Cottbus: Eigenverlag. S.83 – 89.
  • Hochuli Freund, Ursula/ Stotz, Walter (2011). Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Hurrelmann, Klaus (2006). Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim/Basel: Beltz Verlag. 
  • Kunz, R/ Stämpfli, A/ Tov, E (2011). Schlüsselsituationen zur Integration von Wissen – Praxis – Identität. Reader zum Kurs Fallwerkstatt “Schlüsselsituationen” im Modul Wissens- und Kompetenzintegration BA12 und BA14. FHNW, Hochschule für Soziale Arbeit.
  • Widulle, Wolfgang (2012). Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und Gestaltungshilfen. Wiesbaden: Springer VS.

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