Erstellen einer gemeinsamen Datenbank

Stichwörter:

  • Die Zusammenarbeit in Netzwerken ist abhängig vom Interesse und der Motivation der Netzwerkpartner und Träger oder allenfalls auch abhängig von gesetzlichen Vorgaben
  • Die Unterschiedlichkeit der Netzwerkpartner und die sich daraus entwickelnden Differenzen prägen das Netzwerk.
  • Auf der Handlungsebene mit den konkreten Netzwerkpartnern trägt der Moderator die Verantwortung, die konkrete Netzwerkarbeit zu sichern.
  • Bei der Zieloperationalisierung trägt die Moderatorin die Verantwortung die Netzwerkziele zu generieren, die Aufgaben zu konkretisieren und zu verteilen und deren Umsetzung zu überwachen.

Die bezirkliche Steuerungsgruppe ist ein Facharbeitskreis, der vom Bezirksjugendamt einberufen wird und einmal im Quartal stattfindet. Dieser Arbeitskreis setzt sich für die Wahrnehmung der Interessen der Familien und erzieherischen Bedarfe der Kinder, Jugendlichen und jungen Volljährigen in den Sozialräumen ein. Öffentliche und freie Träger erörtern im Dialog sozialraum-, stadtteil- und zielgruppenspezifische Entwicklungen. Daraus ergeben sich Kooperationsformen zwischen den verschiedenen Akteuren und Angebotsformate werden entwickelt.

Die Sozialraumkoordination ist in dieser Steuerungsgruppe ebenfalls vertreten und hat an diesem Tag die Onlineschaltung eines interdisziplinären Projektes angekündigt, das gemeinsam mit Mitgliedern des Bezirksjugendamtes entwickelt wurde. Bei dem Projekt handelt es sich um eine Internetplattform in Form eines virtuellen Atlas, bei dem unter anderem Angebote der Jugendhilfe in ihrem sozialräumlichen Zusammenhang sichtbar gemacht werden. Diese Angebote wurden u.a. von der Sozialraumkoordination in den Online Atlas eingepflegt und die Sozialraumteams und Träger sollen diese Einträge vervollständigen, ergänzen und bezüglich ihrer Aktualität pflegen. Der Online Atlas soll Angebote der Einrichtungen transparenter machen, sie vernetzen, Ressourcen aufzeigen und diese in sozialräumlichen Zusammenhang bringen. Dadurch entsteht ein Mehrwert sowohl für die breite Öffentlichkeit als auch für die Mitarbeiter der unterschiedlichen Einrichtungen und Dienste.

Das Interesse an Mitarbeit aus den verschiedenen Sozialraumteams ist unterschiedlich und wird zum Teil kritisch betrachtet.

Dieses Projekt hatte eine Vorlaufphase von ca. 1 Jahr, die einzelnen Prozessschritte wurden in einer regelmäßig stattfindenden Unterarbeitsgruppe besprochen und bearbeitet. Über wichtige Prozessabschnitte und den Stand der Dinge wurden die beteiligten Akteure regelmäßig in Kenntnis gesetzt. Ebenso fand eine technische Einführung in das Programm statt.

Erste Sequenz

Vorstellung des Projekts durch die Sozialraumkoordination 
Der Sozialraumkoordinator stellte den Online Atlas vor und erläuterte die sich ergebenden Aufgaben der Sozialraumteams. Diese sollen die bereits durchgeführten Einträge ihrer Einrichtungen auf Korrektheit kontrollieren, gegebenenfalls ergänzen und auf Aktualität warten.

Reflection in Action

  • Emotion Netzwerkpartner: Die Netzwerkpartner fühlen sich:
    -überfordert (“Wann sollen wir diese zusätzlichen Aufgaben denn machen?”) und
    -sind skeptisch (“Warum sollen wir das machen? Ich kenne den Nutzen nicht.”)
  • Emotion Professionelle: Bei der Vorstellung des Projekts in der bezirklichen Steuerungsgruppe bin ich zunächst aufgeregt und erfreut, da es das erste große Projekt ist, bei dem ich selbstständig mitarbeite. Durch die Reaktion der Netzwerkpartner fühle ich mich irritiert und verunsichert. 
  • Kognition Professionelle: Nachdem ich bereits bei der Vorstellung des Projekts die ablehnende Haltung verspüre, frage ich mich, warum die Netzwerkpartner nicht im Vorfeld über den Mehrwert des Projekts überzeugt wurden. Ich bemerke zudem ein deutliches Desinteresse an der medialen Arbeit.

 

Zweite Sequenz

Diskussion und Haltung der Sozialraum-Teams
Ein Sozialraumteam präsentierte einen eigenen Freizeitkalender und verstand den Mehrwert des Online Atlas nicht. Mehrere Sozialraumteams äußerten Bedenken bezüglich der Umsetzbarkeit dieser Anforderungen, da ihre Netzwerkstunden zeitlich sehr begrenzt seien und anderweitig eingesetzt würden. Es wurde viel diskutiert und gefragt, wie man es zeitlich schaffe, diese Aufgaben zu meistern.

Reflection in Action

  • Emotion Netzwerkpartner: Die Netzwerkpartner der bezirklichen Steuerungsgruppe:
    -fühlen zunehmend zeitlich und inhaltlich überfordert,
    -sind bezüglich des Nutzens sehr skeptisch,
    -sind gestresst durch die zusätzliche Mehrbelastung und
    -sind missmutig, da es andere, bereits etablierte Kalender gibt, die man aktualisieren muss
    -sind unwillig, sich in ein neues Programm einzuarbeiten.
  • Emotion Professionelle: Meine Verwirrung wächst, da ich davon ausgehe, dass die Netzwerkpartner gemeinsam an dem Projekt arbeiten. Ich bin irritiert, dass sie den Mehrwert des Online Atlas nicht kennen. Ich bin über die mangelnde Kooperation enttäuscht und bin verwundert, dass das Interesse an einem internetgestützten Projekt nicht größer ist.
  • Kognition Professionelle: Ich frage mich, warum ein gemeinsames Projekt im Netzwerk nicht gemeinsam bearbeitet wird. Ich denke darüber nach, warum die SozialarbeiterInnen, die mit Klienten einer Mediengesellschaft zusammenarbeiten ein internetgestütztes Projekt ablehnen. Ich mache mir Gedanken, wie es gelingen könnte, die Netzwerkpartner von der Idee des Online Atlas zu überzeugen und überlege, wie eine gelingendere Kooperation verlaufen könnte.

 

Dritte Sequenz

Angebot, die Ressourcenbank zur Verfügung zu stellen
In dieser Runde stellte ich die Ergebnisse einer Netzwerk- und Angebotsrecherche vor und bot an, diese den Sozialraumteams zur Verfügung zu stellen, da ich zahlreiche Angebote und Einrichtungen im Bezirk gesammelt habe.

Reflection in Action

  • Emotion Netzwerkpartner: Die Netzwerkpartner reagierten auf das Angebot kaum oder mit Desinteresse. Sie fühlen sich:
    -genervt, weil sie sich nicht beteiligen wollen.
    -unsicher, was den Fortlauf der Kommunikation betrifft.
    -gelangweilt, weil das Thema nicht von Interesse ist.
  • Emotion Professionelle: Ich fühle mich verunsichert und verärgert über das Desinteresse der Netzwerkpartner und deren mangelnde Resonanz auf mein Angebot. Ich bin unzufrieden, weil weder das Projekt noch meine Datenrecherche angenommen werden. Ich fühle mich hilflos und habe das Gefühl der Unzufriedenheit, weil die Bezirksjugendamtsleitung die Steuerung des Gesprächs koordinieren sollte.
  • Kognition Professionelle: Ich frage mich, warum die Netzwerkpartner so motivationslos sind und denke darüber nach, warum die Bezirksjugendamtsleitung nicht einlenkt und sowohl das Ziel als auch den Mehrwert des Projekts erläutert.

 

Vierte Sequenz

Haltung der Bezirksjugendamtsleitung
Die Jugendamtsleitung dankte für das Angebot und äußerte sich dahingehend, dass sie erwäge zusätzliche Netzwerkstunden für dieses Projekt zu bewilligen.

Reflection in Action

  • Emotion Netzwerkpartner: Die Jugendamtsleitung wirkt glücklich über mein Angebot, da das Angebot die destruktive Situation unterbricht. Sie wirkt entschlossen, zusätzliche Netzwerkstunden zur Verfügung zu stellen, macht aber einen überforderten und unsicheren Eindruck, da sie versucht die Situation schnell zu Ende zu bringen.
  • Emotion Professionelle: Ich fühle mich erleichtert, weil die destruktive Situation beendet ist. Ich bin zufrieden, dass die Bezirksjugendamtsleitung mein Angebot annimmt und bin hoffnungsvoll, dass zusätzliche Netzwerkstunden bewilligt werden. Ich verspüre eine Wertschätzung.
  •  Kognition Professionelle: Ich frage mich, ob das die Wendung der Situation ist und denke, dass es ein guter Ansatz ist Netzwerkstunden zu bewilligen, damit die Akteure die Daten einpflegen können. Außerdem bin ich überrascht, dass keinerlei Einwände bezüglich der Umsetzbarkeit mehr kommen, nachdem die zusätzlichen Netzwerkstunden angesprochen wurden.

 

Fünfte Sequenz

Fehlende Auftragsklärung
Im weiteren Verlauf wurde über den Sinn und Nutzen dieses Projektes diskutiert, ohne auf konkrete Vorschläge für die Umsetzung der Angebote einzugehen. Seitens des Jugendamtes wurde das Thema der zusätzlichen Netzwerkstunden nicht mehr thematisiert und die Träger erhielten keine konkreten Arbeitsaufträge.

Reflektion in Action

  • Emotion Netzwerkpartner: Die Netzwerkpartner sind unruhig und diskutieren unstrukturiert über das Für und Wider des Projekts. Sie sind unsicher, wie sie mit der Situation umgehen sollen und wirken zunächst unzufrieden. Nachdem keine konkreten Arbeitsaufträge seitens der Bezirksjugendamtsleitung vergeben wurden, fühlen sich die Netzwerkpartner verwirrt und unsicher.
  • Emotion Professionelle: Ich bin sehr enttäuscht und unzufrieden, dass die Situation nicht positiv verlaufen ist und es keinen klaren Arbeitsauftrag gibt. Ich bin irritiert und verärgert über die fehlende Anweisung der Bezirksjugendamtsleitung.
  • Kognition Professionelle: Ich denke darüber nach, wie man eine Situation steuern kann. Ich bin erstaunt, wie ein Team reagiert, wenn es Ansagen bzw. keine Ansagen vom Teamleiter bekommt. Ich mache Gedanken über eine gelingende Netzwerkmoderation. Ich frage mich, warum SozialarbeiterInnen häufig digitale Medien ablehnen. Ich frage mich, warum die Bezirksjugendamtsleitung die Netzwerkstunden nicht bewilligte und warum kein klarer Auftrag erteilt wurde. 
    Ich denke über die Schwierigkeit nach, wie Mitarbeiter unterschiedlicher Träger mit unterschiedlichen Aufträgen zu einem gemeinsamen Projekt zu bewegen sind und wie man dies umsetzen kann. Ich wünsche mir eine Reflexion der Situation mit meinem Praxisanleiter.

5.1      Erklärungswissen – Wodurch wird das Handeln des Sozialraumkoordinators beeinflusst? Welche Quellen der Motivation prägen die Netzwerkpartner?

Vorgehensweise:
Im Folgenden werden ich die Sozialraumorientierung erläutern, die Motivationstheorie nach Barbuto und Scholl skizzieren und die Gruppenentwicklung beleuchten.

1. Sozialraumorientierung

Das Projekt des Online Atlas ist ein sozialräumliches Projekt, bei dem die Bewohner, Professionelle und Multiplikatoren des Bezirks auf die Ressourcendatenbank des Portals zurückgreifen können. Durch die Filterfunktion erhalten sie eine individuelle und bedarfsgerechte Auswahl an Veranstaltungen, Hilfsangeboten und anderen Hinweisen. Das Projekt erfüllt die Kriterien der Sozialraumorientierung nach Hinte (vgl Hinte, 2008, S.1-13).
Zudem sollen durch die Informationen der Träger, die in das Portal eingepflegt werden, Synergieeffekte für das Netzwerk entstehen.
Nach Budde und Früchtel geht es in der Sozialraumorientierung darum, Lebenswelten zu gestalten und Maßnahmen zu schaffen, die Menschen helfen, auch in schwierigen Lebenslagen zurechtzukommen (vgl. Budde und Früchtel, 2012, S.1). Sozialräumliche Ausrichtung bedeutet, dass das soziale Umfeld der Bewohner so verändert werden soll, dass die Bewohner in ihrer Lebensführung bessere Partizipationschancen an lokalen Politikprozessen erfahren. Das heißt, ein lokal definierter Sozialraum wird zur Ressource und zum Objekt der Netzwerkarbeit gemacht (vgl Groß, Holz, Boeckh, 2005, S. 11). Dadurch sollen Netzwerke auf Trägerebene Synergieeffekte erzeugen.
Nach Wolfgang Hinte ist Sozialraumorientierung fünf Prinzipien verpflichtet (vgl Hinte, 2008, S.1-13).

  • Orientierung am Willen der Menschen
  • Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe
  • Konzentration auf die Ressourcen (der Menschen und des Sozialraumes)
  • zielgruppen- und bereichübergreifende Sichtweise
  • Kooperation und Koordination 

 

2. Motivation

In der “reflection-in-action” wird deutlich, dass es bei den Netzwerkpartnern an Motivation mangelt. Die Motivationstheorie nach Barbuto und Scholl unterscheidet zwischen zwei intrinsischen und drei extrinsischen Quellen der Motivation. Sie weisen darauf hin, dass alle Motivationsquellen in jeder Person vorhanden sind und ihr Zusammenwirken bei der Analyse einer konkreten Handlung berücksichtigt werden muss (vgl Barbuto; Scholl, 1998, S. 1011-1022).

In der Bearbeitung der Situation wird deutlich, dass die Motivation der Netzwerkpartner vorwiegend extrinsisch durch das “externe Selbstverständnis” gesteuert wird: Das Selbstverständnis und die Idealvorstellungen werden aus der Rolle und den Erwartungen des Umfeldes geprägt. Zu dieser Quelle der Motivation gehört das Zugehörigkeitsmotiv. Das Zentraljugendamt hat 2008 in der Geschäftsordnung der Sozialraumteams “Sozialraumorientierte Vernetzung von Jugendhilfe” den Umbau der Jugendhilfe beschrieben: Diese richte sich künftig sozialräumlich aus und erfordere von allen Partnern tief greifende Reformprozesse (Quelle aus Datenschutzgründen gelöscht) Der Rat der Stadt hat in dem Rahmenkonzept “ Sozialraumorientierte Hilfsangebote …” das Ziel formuliert, den Einsatz der Mittel im Bereich der Hilfen zur Erziehung effektiver einzusetzen. Durch diesen Beschluss wurden in der Geschäftsordnung der Sozialraumteams die bezirklichen Steuerungsgruppen beschrieben, die im Folgejahr initiiert wurden, deren Organisation und Moderation in der Hand der Jugendamtsleitung liegt. Das Selbstverständnis der Jugendamtsleitung an einer Netzwerkarbeit ist daher extern und an die Erwartungen der Verwaltung gekoppelt. In diesem Zusammenhang sind auch die Trägervertreter aufgefordert, an der bezirklichen Steuerungsgruppe teilzunehmen. Mir wurde mitgeteilt, dass innerhalb dieser Netzwerkarbeit keine Win- win-Stituation für die beteiligten Partner  herausgearbeitet wurde. Diese Aussage bekräftigt meine Annahme, dass die Motivation extrinsisch gesteuert ist.

 

3. Gruppenentwicklung

Prozessverantwortung zu übernehmen setzt Erfahrungswissen voraus, wie sich Gruppenprozesse entwickeln und steuern lassen (vgl. Friedrich 2012, S. 74). Tuckman entwickelte 1964 ein Phasenmodell für Gruppenentwicklung, mit vier aufeinander folgenden Entwicklungsschritten. Zunächst formiert sich die Gruppe (forming), in der Auseinandersetzungs- und Streitphase werden Konflikte ausgetragen (storming), in der Übereinkommensphase werden Regeln benannt (norming) und in der Leistungsphase arbeitet sie produktiv zusammen (performing) (vgl. Tuckman 1964, S 469 ff.).

In der Prozessverantwortung unterstützt der Moderator jede dieser Phasen, indem er erkennt in welcher Phase sich die Gruppe befindet, denn diese verlaufen nicht immer linear. Er sollte die Unterschiedlichkeit der Teilnehmer erkennen und deren vielfältige Bedürfnisse berücksichtigen (vgl. Riemann-Thomann- Kreuz in Thomann und Schulz von Thun, 1997, S. 150 und Friedrich 2012, S. 49).

 

 

5.2      Interventionswissen – Welche Methoden nutzen die Netzwerkteilnehmer in ihrem professionellen Handeln?

5.2.1 Netzwerkarbeit als Methode der Sozialraumorientierung

Groß, Holz und Boeckh arbeiteten heraus, dass Netzwerkarbeit unter anderem eine Folge politisch gesetzter Rahmendaten ist. Zudem werden in der Erstellung sozialer Dienstleistungen  zunehmend integrierte Angebote gefordert (vgl. Groß, Holz, Boeckh, 2005, S. 3).

Sie konstatieren, Netzwerkarbeit sei fallunabhängig und habe „die Aufgabe, Wissen und andere Ressourcen der verschiedenen Akteure zusammenzutragen, in einen neuen übergreifenden Kontext unterschiedlicher Problemwahrnehmungen und Interessen einzubringen (…) und über Sektorgrenzen hinweg neue Lösungsansätze zu entwickeln“ (vgl. Brocke, 2003, S. 14).

In der infrastrukturell lebensweltorientierten Netzwerkarbeit sind Netzwerke in ihrer Funktion sowohl Methode als auch Steuerungsinstrument (vgl. Groß, Holz, Boeckh, 2005, S. 14). Das Kollektiv arbeitet an der Umsetzung definierter Zielvorstellungen. Dabei wird auf personelle und institutionelle Ressourcen von Zielgruppen und Sozialräumen zurückgegriffen.

In dem Modelprojekt „Qualitätsentwicklung für lokale Netzwerkarbeit“ definierten Groß, Holz und Boeckh Faktoren, die zu einer gelingenden Netzwerkarbeit führen.

Diese werde ich im Folgenden erläutern und auf die Schlüsselsituation übertragen:

  1. Netzwerkvorbereitung: In dem vorliegenden Fall besteht das Netzwerk bereits und die Netzwerkarbeit als Methode hat sich etabliert. Ein wichtiger Faktor in diesem Zusammenhang ist, dass durch die Sozialraumorientierung die bezirkliche Steuerungsgruppe initiiert wurde und die Motivation der Beteiligten durch ein externes Selbstverständnis gesteuert ist und der Mehrwert der Netzwerkarbeit weitestgehend nicht erkannt wurde.
  2. Projektvorbereitung: Bei der Projektvorbereitung werden alle Beteiligten einbezogen, sie sollen zur Erreichung des Handlungsziels einen wesentlichen Beitrag leisten können. Daher sind das Formulieren der Netzwerkziele sowie die Festlegung von Aufgaben und Ressourcen wichtige Determinanten

    2.1 Formulierung der Netzwerkziele:
    In der bezirklichen Steuerungsgruppe arbeiten Träger zusammen, die unterschiedliche Leitbilder und dadurch eine nicht deckungsgleiche Wertehaltungen verfolgen. Durch die Vernachlässigung der Benennung konkreter Netzwerkziele (z.B. Mehrwert des Online-Atlas) erkennen die Trägervertreter den Nutzen nicht und erkennen in der Zusammenarbeit keine Win-win-Situation.  Groß empfiehlt Netzwerkziele kollaborativ im Netzwerk zu erarbeiten (vgl. Groß, 2006, S. 4). Dies ist auf meine Nachfrage hin bisher nicht geschehen.

    2.2 Festlegung von Aufgaben und Ressourcen:
    In Netzwerken sind intensive und umfangreiche Kommunikations- und Abstimmungsprozesse notwendig. Die beteiligten Partner müssen deshalb eine möglichst hohe Klarheit über die eigenen Ressourcen im Netzwerk haben und die von ihnen gewünschten Anteile so früh wie möglich klar definieren und aushandeln. In dem vorliegenden Fall sind diese Prozesse ausgeblieben.

    2.3 Steuerung des Netzwerkes: 
    Für die Sicherung der Netzwerkarbeit vor Ort ist nach Groß eine Netzwerksteuerungsgruppe von zentraler Bedeutung. Diese koordiniert, steuert und kontrolliert die Durchführung der konkreten Arbeit im Netzwerk und hat die Verantwortung ein fachliches und ökonomisches Netzwerkcontrolling zu gewährleisten. In der bezirklichen Steuerungsgruppe gibt es diese Funktion nicht. Hier hat die Jugendamtsleitung den Vorsitz, das heißt sie lädt zum Arbeitskreis ein, moderiert diesen und trifft notwendige Entscheidungen.

    2.4 Regelmäßige Evaluation: 
    Akteuren der Sozialen Arbeit werden wirkungsorientierte Evaluationen empfohlen. Die Evaluation ist Basis für die Schaffung einer wirkfähigen Leistung und Netzwerkarbeit. Zudem stellt sie eine Grundlage für fundierte Entscheidungen im Netzwerk dar (vgl. Beywl/Speer/Kehr, 2004, S.8 ff.). Durch die Teilnahme eines Mitarbeiters des Zentraljugendamtes werden Themen und Inhalte der Sitzungen aller bezirklichen Steuerungsgruppen  zentral reflektiert. Dies entspräche dann einer Art des Monitorings.

 

5.2.2 Ressourcenorientierte Netzwerkmoderation

Friedrich (2012) arbeitet in ihrer Publikation Orientierungshilfen heraus und gibt Handlungsanleitungen für ein ressourcen- und netzwerkorientiertes Handeln.

Sie bekräftigt, dass die Voraussetzung für eine gelingende Netzwerkarbeit eine “positive Netzwerkorientierung” (vgl. Friedrich, 2012, S.34) sei, diese gehe mit der Grundhaltung der Reziprozität einher, also einer Ausgewogenheit zwischen Geben und Nehmen (vgl. Friedrichs, 2012, S. 35). Friedrich beschreibt Perspektiven ressourcenorientierter Netzwerkarbeit und nennt die Moderation als einen zentralen Aspekt. Sie konstatiert, dass die Grundhaltung des Moderators während der Gruppenmoderation die Allparteilichkeit sei. Diese beschreibt sie als Bemühen jeden Netzwerkpartner durch Wachsamkeit und Zugewandtheit zu verstehen und  ihm zu seinem Recht zu verhelfen (vgl. Friedrich, 2012, S. 42 ff.). Der Grundgedanke des Moderators sollte die Prozessverantwortung sein, d.h. der Moderator sollte die Verantwortung für den Ablauf, die Struktur und den roten Faden übernehmen. Sind diese Voraussetzungen geschaffen, so Friedrich, erschließen sich Moderationsmethoden und Handwerkszeuge, wie zum Beispiel das Schaffen von Atmosphäre und Zeitmanagement (vgl. Friedrich, 2012, S. 56).

 

Fazit:

In der beschriebenen Schlüsselsituation haben die Netzwerkpartner in der Netzwerkarbeit das Wissen und die Ressource der verschiedenen Akteure zusammengetragen. In einer Unterarbeitsgruppe wurden im Vorfeld Lösungsansätze entwickelt und Netzwerkziele formuliert, diese wurden in der bezirklichen Steuerungsgruppe vorgetragen.  In der bezirklichen Steuerungsgruppe wurde deutlich, dass bei der Projektvorbereitung sowohl die Formulierung von Netzwerkzielen, als auch die Festlegung von Ressourcen und Aufgaben außer Acht gelassen wurde. Meine Nachfragen bestätigten diese Vermutung. Ebenso keine Beachtung fand der Punkt “Steuerung des Netzwerkes”.

Die sozialräumliche Ausrichtung der Sozialen Arbeit sowie die Methode der Netzwerkarbeit sind relativ neue Methoden und werden im Bezirk  erst seit wenigen Jahren praktiziert, so dass es vielen Praktikern der Sozialen Arbeit scheinbar an einem Handlungsleitfaden und Instrumenten fehlt, diese Methode auszuführen. Hierfür verantwortlich sind häufige Personalwechsel und fehlende Fortbildungen der Sozialarbeiter.

 

5.3      Erfahrungswissen – Woran erinnere ich mich, was kenne ich aus ähnlichen Situationen?

5.3.1 Erfahrungen aus Gruppenarbeitsprozessen in der Hochschule:

In der Vergangenheit habe ich festgestellt, dass Zielformulierung und die Formulierung einer klaren Haltung sowie das Treffen von Absprachen auch in bestehenden Gruppen von großer Bedeutung ist.

Übertragen auf die Determinanten einer gelingenden lokaler Netzwerkarbeit bedeutet das, dass in der Vorbereitung der Gruppenarbeit die Teilnehmer zunächst die internen Rollen und Strukturen klärten und im Gruppenarbeitsprozess eine win-win-Situation formulierten. Die Ziele der Gruppenarbeit wurden benannt sowie Aufgaben und Ressourcen festgelegt.

Meine Erfahrungen aus den Gruppenarbeitsprozessen in der Hochschule führten dazu, dass ich strategisch überlegte, wie ich im Praxisstudium meine Beteiligung attraktiv einbinden kann, so dass sich für die Netzwerkpartner ein Mehrwert ergibt, mit dem Hintergedanken, dass sich daraus für die Beteiligten die win-win-Situation ergibt. Auf Ebene der Motivationsquellen handelte ich aus einem intrinsischen und extrinsischen Selbstverständnis. Dabei spielten das Macht-, das Leistungs- und das Zugehörigkeitsmotiv eine wesentliche Rolle.

 

5.3.2 Erfahrungen aus anderen Netzwerkarbeitsgruppen

Die Sozialraumkoordination ist in unterschiedlichen Netzwerkarbeitsgruppen beteiligt. In dem Netzwerktreffen “Frühe Hilfen” werden die Determinanten einer gelingenden Netzwerkarbeit eingehalten. In der Ausgestaltung der konkreten Netzwerkarbeit ist die Eigenmotivation der Netzwerkpartner geklärt, ebenso wurde die Notwendigkeit und der Vorteil der Netzwerkarbeit überprüft und bestätigt. In der Projektvorbereitung zum Netzwerktreffen “Frühe Hilfen” wurde die win-win-Situation aller Beteiligten (z.B. das Vermeiden von Doppelstrukturen im Sozialraum) formuliert. Damit einhergehend wurden Ziele benannt (z.B. Reduzierung von Jugendkriminalität). Die Zielerreichung orientiert sich an den Ressourcen und den zu bewältigenden Aufgaben sowie an den zeitlichen Rahmenbedingungen.

Die Netzwerksteuerungsgruppe “Frühe Hilfen” gewährleistet den organisatorischen und fachlichen Rahmen und übernimmt die Aufgabe der Moderation des Netzwerktreffens und führt zur Sicherung der Qualität und Nachhaltigkeit ein fachliches Controlling durch. Im Rahmen des ökonomischen Controllings ist es Aufgabe dieser Steuerungsgruppe, die erarbeiteten Inhalte und Ergebnisse allen Netzwerkpartnern zugänglich zu machen.

Abschließend führt die Steuerungsgruppe “Frühe Hilfen” eine interne Evaluation durch.

Durch Reflexion des Netzwerktreffens “Frühe Hilfen” erkenne ich, dass neben der Klärung der Motivationsquelle ein wesentlicher Motor der Netzwerkarbeit die Klärung und Bestätigung der Netzwerkziele ist. Diese beiden elementaren Faktoren wurden in der beschriebenen Situation in der bezirklichen Steuerungsgruppe vernachlässigt.

 

5.4      Organisations- und Kontextwissen – Welche Rahmenbedingungen beeinflussen mein Handeln?

5.4.1 Kommunaler Auftrag der Sozialraumkoordination

Ein Verein übernimmt als Träger seit 2007 im Auftrag der Stadt die Sozialraumkoordination in einem Stadtteil.

Grundlage der Arbeit der Sozialraumkoordination ist das Rahmenkonzept der Stadt und die ergänzenden Ratsbeschlüsse. Das Rahmenkonzept verfolgt das Ziel, die Lebensbedingungen der Bewohner/ -innen in den definierten Sozialraumgebieten durch eine stärkere Bewohner- und Sozialraumorientierung aller relevanten Fachämter, Träger und Einrichtungen zu verbessern (Handlungsleitfaden der Sozialraumkoordination: 115).

Der Sozialraumkoordinator bekommt eine zentrale Rolle in den unterschiedlichen Arbeitsbeziehungen und sozialräumlichen Netzwerkstrukturen zugeschrieben (vgl. Handlungsleitfaden Sozialraumkoordination:15).  Dieser ermittelt Angebote, Ressourcen, Themen und Bedarfe der Menschen im Sozialraumgebiet. Er stellt Kontakte zwischen Bürgern, Behörden und weiteren Institutionen her und unterstützt die Entwicklung stadtteilbezogener Konzepte. Dabei hat er die Haltung der “Allparteilichkeit”, das heißt, dass die Sozialraumkoordination aus Sicht jedes Beteiligten auf Prozesse schaut.

Seit dem Haushalt 2014 ist die Sozialraumkoordination an zwei Dezernate angebunden. Die konkreten Aufgaben der Sozialraumkoordination werden in den Jahreszielvereinbarungen festgelegt, die unter Berücksichtigung von Schwerpunktthemen des neuen politischen Gremiums vorgegeben werden. Durch diese Neuausrichtung lehnen sich die Jahresziele inhaltlich an die Themen der beiden Dezernate an: Allgemeine Verwaltung und Ordnung und Bildung, Jugend, Sport. Die Sozialraumkoordinatoren sollen gemäß des integrierten Handlungskonzeptes mit sämtlichen Fachämtern kooperieren und somit die Versäulung der Verwaltung aufbrechen.

 

5.4.2 Träger der Sozialraumkoordination

Träger der Sozialraumkoordination im Stadtteil ist ein Verein, der nach § 75 SGB VIII ein anerkannter freier Träger der Jugendhilfe ist. Gemäß seines Leitbildes ist der Verein eine „lernende Organisation“, in der nachhaltiges Handeln, nachhaltige Entwicklung und Bildung nicht isoliert, sondern gemäß der Lebenswirklichkeit ganzheitlich betrachtet werden. Ein zentraler Leitsatz lautet: „Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung“ (vgl. Flyer des Vereins).

Der Träger schafft die Rahmenbedingungen für Sozialraumkoordination und steht in der Personalverantwortung. Er ist Adressat der Beauftragung eines Sozialraumkoordinators durch die Geschäftsstelle. Dadurch werden die grundsätzlichen Rahmenbedingungen vorgegeben. Diese werden konkretisiert durch die Jahreszielvereinbarungen, die der Träger mit dem zuständigen Bürgeramtsleiter unterzeichnet.

 

5.4.3 Sozialpolitische Zusammenhänge

Die Netzwerkarbeit der Sozialraumkoordination ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Handlungsebenen, die in einem horizontalen und vertikalen Verhältnis zueinander stehen.

Die Sozialraumkoordinatoren werden durch den Rat, die Verwaltung und Spitzenverbänden beeinflusst. Auf bezirklicher Ebene sind sie befasst mit den sozialräumlichen Themen der Bezirksvertretungen. Auf sozialräumlicher Ebene korrespondieren sie mit den lokalen politischen Vertretern, die sowohl als Einzelpersonen als auch in ihrer lokalen Verfasstheit auftreten. Sie vernetzen sich auf Leitungsebenen mit verschiedenen Institutionen und Trägern.

Dazu kommen politische Zwischenebenen wie z.B. der Stadt-Bezirks-Sportverband und die Seniorenvertretung. Durch das integrierte Handlungskonzept der Sozialraumkoordination ist es zwingend notwendig, alle Akteure eines bestimmten Handlungsfeldes zusammenzubringen, d.h. sie arbeiten bürgernah, institutions- und ämterübergreifend. Die Sozialraumkoordinatoren übernehmen in die Rolle als intermediären Instanz eine Übersetzerfunktion zwischen den beteiligten, teilweise sehr unterschiedlichen Zielgruppen (vgl.Handlungsleitfaden:16). Sie agieren in einer Haltung der Allparteilichkeit.

 

5.5      Fähigkeiten – Was muss ich als professionelle Fachperson können?

Ein Sozialraumkoordinator sollte folgende Fähigkeiten in die Netzwerkarbeit einbringen:

  • In der Netzwerkarbeit ist die inhaltliche und strukturelle Bedarfserhebung in einem fortlaufenden Prozess ein wichtiger Bestandteil.
  • Fähigkeit Probleme zu erkennen und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen
  • Aufbau von Strukturen
  • erkennen, wo und wie der “Hebel” angesetzt werden kann (vgl. Handlungsleitfaden, 2011, S. 16)
  • Fähigkeiten Perspektivwechsel vorzunehmen, um die Haltung der Allparteilichkeit einnehmen zu können
  • Fähigkeit der “Hintergrunddiplomatie”
  • Vertraulichkeit schaffen
  • gute Auffassungsgabe und die Fähigkeit eigenständig zu arbeiten sowie die Fähigkeit “zwischen den Zeilen lesen können”
  • Zeitmanagement
  • Projektmanagement
  • zur Netzwerkarbeit
  • Fähigkeit der Moderation und Vermittlung
  • Empathie empfinden und nonverbale Kommunikation deuten
  • Beherrschung verschiedener Kommunikationsformen
  • Fähigkeit zur Selbstreflexion

Fazit: Innerhalb der bezirklichen Steuerungsgruppe brachte der Sozialraumkoordinator die genannten Fähigkeiten ein. Er benannte Netzwerkziele und Aufgaben und diese wurden im Netzwerk diskutiert. Da jedoch die Weisungsbefugnis  bei der Jugendamtsleitung liegt, kann nur diese daraus Arbeitsaufträge für die Netzwerkpartner ableiten und vergeben. In ihrer Moderation wurde dieser Prozess nicht gesteuert.

 

5.6      Organisationale, infrastrukturelle, zeitliche, materielle Voraussetzungen – Womit kann ich handeln?

Folgende Voraussetzungen müssen für die Arbeit der Sozialraumkoordination zur Planung einer gelingenden Netzwerkarbeit vorliegen. Im Folgenden übertrage ich die Voraussetzungen auf die Planung des Online Atlas.

Zeitliche Voraussetzungen

  • Den Bedarf erkennen und überprüfen: Von unterschiedlichen Seiten wurde der Wunsch benannt, eine aktuelle Auflistung aller nicht- kommerziellen Ressourcen im Bezirk auf einer Plattform zusammenzuführen und diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
  • Projektplanung: Die zeitliche Ressource, auf die sich das Projekt bezieht, muss auch für dieses Handlungsfeld zur Verfügung stehen
  • Durch die Netzwerkarbeit ist eine gegenseitige Rücksichtnahme auf die zeitlichen Rahmenbedingungen der Netzwerkpartner Voraussetzung. Diese haben Einfluss auf den zeitlichen Projektablauf

Materielle Voraussetzungen

  • Projektbezogene Arbeitsmittel müssen zur Verfügung stehen, ein Finanzplan muss erstellt werden und die Finanzmittelakquise durchgeführt werden.
  • Materielle Voraussetzung für die Schaffung von “Ambiente” (z.B. Verköstigung oder Getränke für Netzwerkarbeitsgruppen) sind für eine Zusammenarbeit förderlich.

Infrastrukturelle Voraussetzungen

  • Sozialraumkoordinatoren müssen mobil sein und unterschiedliche Tagungsorte erreichen können.
  • Büro und Kommunikationsmittel zur Durchführung des Netzwerkprojekts müssen zur Verfügung stehen.
  • Erwerb und Nutzung von projektrelevanten Sozialraumressourcen sind notwendig.

Organisationelle Voraussetzungen

  • Netzwerkarbeit: Die bezirkliche Steuerungsgruppe ist das optimale Instrument, um das Projekt zu allen sozialräumlichen Netzwerkpartner zu transportieren.
  • Akquise und Organisation von Sozialraumressourcen müssen vorhanden sein oder geschaffen werden.
  • Voraussetzung für diesen Punkt ist die Durchführung einer Bestandsaufnahme und einer Sozialraumanalyse.

 

 

5.7      Wertewissen – Woraufhin richte ich mein Handeln aus? Welches sind die zentralen Werte in dieser Situation, die ich als handelnde Fachperson berücksichtigen will?

Berufskodex:
SozialarbeiterInnen haben die Verpflichtung, soziale Gerechtigkeit zu fördern. In der vorliegenden Schlüsselsituation bestand der Bedarf der BewohnerInnen als auch der Akteure/Innen an einer internetgestützten Plattform, auf der man Hilfsmaßnahmen, Angebote und Institutionen individuell filtern und abrufen kann. Diese Maßnahme ist ein innovatives und niedrigschwelliges Hilfsangebot, dass Partizipationschancen der Bewohner verbessert und die soziale Gerechtigkeit fördert.

Humanistisches Weltbild:
Das Leitziel des Konzeptes für die  Sozialraumkoordination in der Stadt  ist Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen im Sozialraum. Das humanistische Weltbild stellt die Potentiale, Ressourcen und Bedarfe eines jeden Menschen in den Vordergrund und projiziert diese Haltung auf sein Gegenüber. In diesem Sinne stellt der Sozialraumkoordinator den Bewohnern und Akteuren Instrumente und Methoden zur Verbesserung der Lebensbedingungen zur Verfügung, so auch den Online- Atlas.

Allparteilichkeit:
Die Grundhaltung des Moderators während einer Gruppenmoderation ist die Allparteilichkeit (vgl. Friedrich, 2012, S. 44).  Der Moderator schaut aus der Sicht jedes Beteiligten auf die Prozesse. Die Betrachtung unterschiedlicher Perspektiven und die Wahrnehmung der an ihn gerichteten Botschaft ermöglicht dem Moderator eine fachliche und sachliche Reaktion.

Prozessverantwortung:
Das Kernstück jeder Moderation ist der Grundgedanke der  Prozessverantwortung. Der Moderationsprozess soll so gesteuert werden, dass die Gruppe, durch die methodisch-strukturierte Schaffung von Beteiligungsmöglichkeiten, die inhaltliche Verantwortung für das Arbeitsergebnis wahrnehmen kann (vgl. Friedrich, 2012,S. 46ff). Prozessverantwortung und Allparteilichkeit hängen somit eng zusammen. Der Moderator sollte die Gruppe zudem in ihrem Entwicklungsprozess unterstützen, indem er erkennt, in welcher Phase sich die Gruppe befindet. Er sollte die Unterschiedlichkeit der Teilnehmer erkennen und deren vielfältige Bedürfnisse berücksichtigen (vgl. Riemann-Thomann- Kreuz in Thomann und Schulz von Thun, 1997, S. 150 und Friedrich 2012, S. 49). Übertragen auf die Situation hat die Jugendamtsleitung die Aufgabe der Moderation übernommen. Der Moderationsprozess war so gesteuert, dass die Gruppe nicht die inhaltliche Verantwortung für das Ergebnis wahrnehmen konnte, da der entscheidende Arbeitsauftrag und die Prozesssteuerung fehlten. In der Phase des “storming” versäumte die Moderatorin, die ambivalenten Meinungen zu bündeln und vernachlässigte die Steuerung der Gruppe. Die Jugendamtsleitung ist somit ihrer Prozessverantwortung nicht gerecht geworden.
Ziel- bzw. Lösungsorientierung/ Ressourcenorientierung und Offenheit:  Bei der Entwicklung von Lösungen zur Umsetzung des Online Atlas geht es darum, die Äußerung des Gegenüber aufzunehmen und daraus einen angemessenen Handlungsbedarf abzuleiten. Der Sozialraumkoordination soll in der Lage sein, sich allparteilich zu öffnen und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen oder zu unterstützen.

Sozialraumorientierte Netzwerkarbeit/ Sozialraumorientierung: 
Die sozialraumorientierte Soziale Arbeit basiert auf der Aktivierung von Hilfspotentialen und der Ressourcenorientierung in einem lebensnahem Bezug, dabei liegt der Fokus auf einer übergreifenden und interessenspezifischen Adressierung und nicht auf einer Zielgruppenorientierung. Durch eine Team- und Lebensweltorientierung sollen Professionelle die Situation der Bewohner durch Empowerment, Partizipation und Selbstorganisation verbessern.

  • In der Projektvorbereitung sollte die Win-Win-Situation der beteiligten Netzwerkpartner herausgearbeitet werden.
  • Der Sozialraumkoordinator vertritt die Potentiale, Ressourcen und Bedarfe der Bewohner und Akteure im Netzwerk.
  • Der Sozialraumkoordinator fördert durch Transparenz und Partizipation die soziale Gerechtigkeit, indem er im Netzwerk durch ein Beteiligungsverfahren ein zielgruppenorientiertes und niedrigschwelliges Angebot entwickelt und vorstellt.
  • Der Sozialraumkoordinator arbeitet sozialraumorientiert, dadurch sollen in der Netzwerkarbeit auf Trägerebene Synergieeffekte erzeugt werden.
  • Die Grundhaltung des Moderators während einer Gruppenmoderation sollte die Allparteilichkeit sein.
  • Der Netzwerkmoderator trägt die Prozessverantwortung. Er schafft Strukturen, koordiniert Gruppenprozesse und erkennt Zusammenhänge in der Kommunikation.
  • Der Netzwerkmoderator sollte in der Lage sein, in den Interaktionsprozess einzugreifen und den Prozess der Zielformulierung zu steuern, so dass Aufgaben und Ressourcen festgelegt werden können.
  • Der Moderator sollte die Gruppe in ihrem Entwicklungsprozess unterstützen. Er sollte die Unterschiedlichkeit der Teilnehmer erkennen und deren vielfältige Bedürfnisse berücksichtigen (vgl Riemann-Thomann- Kreuz in Thomann und Schulz von Thun, 1997, S. 150 und Friedrich 2012, S. 49).
  • Der Mehrwert für die Netzwerkpartner wurde im Vorfeld und in der bezirklichen Steuerungsgruppe nicht konkret formuliert, so dass der Gebrauchsnutzen des Online- Projektes von den Netzwerkpartnern nicht erkannt wurde (Projektvorbereitung).
  • Der Sozialraumkoordinator vertritt die Potentiale, Ressourcen und Bedarfe der Bewohner und Akteure im Sozialraum, so entwickelt sich das Projekt des Online- Atlas. In der Netzwerkarbeitsgruppe wurde der Nutzen nicht erkannt, so stellte sich seitens der Trägervertreter keine Bedarfslage ein und Ressourcen standen nach eigenen Angaben ohnehin nicht zur Verfügung.
  • Die transparente Darstellung und das Angebot der Partizipation seitens der Sozialraumkoordination kollidierten mit einer fehlenden Bedarfslage der Trägervertreter und dem Mangel an Erkenntnis des Mehrwerts.  
  • Die bestehende Geschäftsordnung verpflichtet die Netzwerkpartner in der bezirklichen Steuerungsgruppe zu sozialraumorientierte Netzwerkarbeit, insofern steht die Pflege des Online-Atlas eine zusätzliche Aufgabe dar, deren Nutzen zudem nicht erkannt wurde.
  • Durch die Verpflichtung der Teilnahme am Netzwerk liegt die Motivation der Trägervertreter größtenteils in einem externen Selbstverständnis und der Synergieeffekt wird durch den Bedarfsmangel nicht erkannt.
  • Die Moderatorin hat die Haltung der Allparteilichkeit eingenommen, indem sie die Argumente der Trägervertreter wahrgenommen und nicht entgegnet hat.
  • Der Moderationsprozess war so gesteuert, dass die Netzwerkpartner nicht die inhaltliche Verantwortung für das Ergebnis wahrnehmen konnten. Den Grund dafür sehe ich in der ungünstigen Prozesssteuerung. Zunächst trugen die Trägervertreter den Mangel an zeitlichen Ressourcen vor, dann wurde die aus ihrer Sicht fehlende Bedarfslage vorgebracht. Dadurch erschwerte sich für die Jugendamtsleitung die Sicherung der Netzwerkarbeit und auch ökonomische Anreize konnten, aufgrund der vorher benannten fehlenden Ressourcen nicht mehr wirksam werden.
  • Im Interaktionsprozess der Netzwerkpartner hätte die Moderatorin die Win-Win-Situation und die zu honorierende Mehrarbeit der Beteiligten deutlich herausarbeiten müssen, um den Prozess der Zielformulierung zu steuern, so dass die  Aufgaben und Ressourcen hätten möglicherweise doch festgelegt werden können.
  • In der Phase des Stormings (Konflikte in der Umsetzung der Netzwerkaufgabe) unterstützte die Moderatorin den Gruppenprozess nicht ausreichend und reagierte nicht die Bedürfnisse der Teilnehmer.

Wie muss ich handeln, um die Qualitätsstandards einzulösen? Was hätte ich anders und besser machen können?

  1. Die sozialraumorientierte Netzwerkarbeit ist eine Vorgabe des Rates der Stadt und ist in der Verwaltung nur partiell implementiert worden. Der weitaus größere Teil der Stadtverwaltung trug  das Konzept der Sozialraumorientierung nicht aktiv mit. Die Folge der mangelhaften Implementierung ist m.E. Ursache für die brüchige Umsetzung der Netzwerkarbeit, woraus resultiert, dass einige Trägervertreter das Konzept nicht nachvollziehen können, sich nicht adäquat in die Netzwerke einbringen können (oder wollen) und aus einem externen Selbstverständnis handeln. Sozialraumorientierung auf kommunale Ebene als Querschnittsthema verstanden, wie es etwa das integrierte Handlungskonzept vorsieht, würde die Akzeptanz verbessern und Netzwerkarbeit nicht als lästige Zusatzaufgabe gesehen werden.
  2. Der Sozialraumkoordinator hätte durch seine intrinsisch motivierte Haltung den Netzwerkpartnern den Nutzen und Mehrwert sowie den Synergieeffekt des Online Atlas überzeugender veranschaulichen müssen sowie den geäußerten Bedarf der Bewohner auf Vollständigkeit detaillierter darstellen können. Dies hätte ein größeres Verständnis bei den Trägervertretern für eine bestehende Bedarfslage erwecken können.
  3. Die Grundgedanken einer Moderation sollten die Allparteilichkeit und die Prozessverantwortung sein.
    Die Allparteilichkeit wurde gewahrt, die Prozessverantwortung jedoch vernachlässigt. Um ein zielführendes Ergebnis zu erreichen, wäre der umgekehrte Aufbau der Argumentationskette der Moderatorin möglicherweise von Vorteil gewesen. Transparenz bei der Darstellung der Win-Win-Situation und die zu honorierende Mehrarbeit zu Beginn des Netzwerktreffens, hätten zu anderen Aussagen bezüglich Ressourcen geführt, so dass die Träger die Beteiligung im Netzwerk nicht als Mehrarbeit, sondern als Gewinn erkannt hätten. In dem Moment, wo der Gesprächsaufbau zu einer unverrückbaren Festlegung führt (fehlende Ressourcen), ist die Ergebnisoffenheit gefährdet, dadurch wird der Verlauf des Kooperationsprozesses unflexibel (vgl. Brooke, 2004, S.).
  4. Themenzentrierte Interaktion
    Die themenzentrierte Interaktion ist ein nach Ruth Cohn (vgl. Cohn 2009) entwickeltes Konzept zur Arbeit in Gruppen, mit dem Ziel die Arbeitsfähigkeit der Gruppen zu sichern, um tragfähige Ergebnisse zu gewährleisten (vgl. Friedrich 2012, S. 50). Durch den Fokus, dass das Gelingen des Prozesses sowie die Eigenverantwortung systematisch an die Gruppenmitglieder zurückgegeben wird, schafft der Moderator sowohl auf inhaltlicher als auch auf Prozessebene ein Beteiligungsverfahren und schafft dadurch eigene Entlastung (vgl. Friedrich 2012, S. 50-53).
  • Cohn, Ruth (2009):  Von der psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion, 16 Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart.
  • Barbuto, J. E., Scholl, R. W. (1998): Motivation sources inventory: Development and validation of new scales to measure an integrative taxonomy of motivation. Psychological Reports, 82, 1011-1022.
  • Beywl, W., Speer, S., Kehr, J. (2004): Wirkungsorientierte Evaluation im Rahmen der Armuts- und Reichtumsberichterstattung. Perspektivstudie, abrufbar unter http://www.univation.org/download/Evaluation_der_Armuts-_und_Reichtumsberichterstattung.pdf
  • Budde, W., Früchtel F.: Sozialraumorientierung abrufbar unter: http://web.archive.org/web/20131101214754/http://sozialwesen.fh-potsdam.de/fileadmin/FB1/user/fb1Fruechtel/Dateien/Sozialraumorientierung_Fachlexikon.pdf
  • Brocke, H. (2003): Soziale Arbeit als Koproduktion, in: Stiftung Sozialpädagogisches Institut
  • (SPI): Jahresbericht 2002/2003, Berlin, S. 8 – 21 abrufbar unter: http://www.stiftung-spi.de/download/stiftung/jahresberichte/jb_2003.pdf
  • Brocke, H. (2004): Pfusch am Kind wird teuer! Frühkindförderung/Familienförderung – Integrierte Dienste im Stadtteil und lokale Aktionspläne. In: Journal der Regiestelle E&C, Heft 12. Berlin.
  • Friedrich, Sibylle (2012): Ressoucenorientierte Netzwerkmoderation – Ein Empowermentwerkzeug in der Sozialen Arbeit, Wiesbaden: Springer VS. 
  • Groß, D., Holz, G., Boeckh, J. (2005): Qualitätsentwicklung lokaler Netzwerkarbeit. Ein Evaluationskonzept und Analyseraster zur Netzwerkentwicklung, ISS-Pontifex 1, Frankfurt a.M. 
  • Hinte, W (2008): Sozialraumorientierung: ein Fachkonzept für Soziale Arbeit, S. 13.abrufbar unter http://www.fulda.de/fileadmin/buergerservice/pdf_amt_51/sonstiges/Sozialraumorientierung_Vortrag_W.Hinte_28.5.08.pdf
  • Thomann C; Schulz von Thun, Friedrich (1997): Klärungshilfe: Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen. Rowolt, Reinbeck bei Hamburg.
  • Tuckmann, Bruce (1964): Personality structure, group composition and group functioning. Sociometry.

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