Handlungskompetenztraining / Umgang mit grenzüberschreitendem Verhalten

Stichwörter:

  • Die Klientin hat in dem Bereich „sexuelle Übergriffe“ schon negative Erfahrungen gemacht.
  • Professionelle der Sozialen Arbeit (PSA) sammelt und ordnet erste Informationen über die Si-tuation der KlientInnen 
  • PSA informiert sich, wenn nötig, selbst zu dem Thema „Umgang mit grenzüberschreitendem Verhalten“
  • PSA erfasst die gegenseitige Wirkung, Wechselbeziehung und den gesamten Prozess
  • PSA schätzt den akuten Handlungsbedarf ein und leitet, wenn nötig, die ersten Massnahmen ein
  • Bewegungsfreiheit und grösstmögliche Selbständigkeit der Klientin wird unterstützt
  • Notwendiger Schutz und Unterstützung für die Klientin soll gewährleistet sein

Die Situation spielt sich im Rahmen einer sozialpädagogischen Grossfamilie ab. Die Klientin hat die Rolle der Pflegetochter in diesem Rahmen. Sie lebt seit mehreren Jahren in der Grossfami-lie. Sie besucht die Sonderschule und fährt seit zwei Wochen mit dem öffentlichen Bus oder Zug zur Schule. Heute fährt sie zum ersten Mal mit dem Zug, um in einer Sportgruppe zu schnuppern. Dafür muss sie etwas weiter fahren, als bis zum Wohnort ihrer leiblichen Eltern. Die Professionelle der Sozialen Arbeit (PSA) holt die Klientin vom Bahnhof ab, um sie zum Sport zu begleiten

Erste Sequenz: Gezieltes Hilfesuchen der Klientin

Die PSA holt die Klientin vom Bahnhof mit dem Auto ab. Sie begrüssen sich und die PSA er-kundigt sich nach der Zugfahrt. Die Klientin berichtet von einem jüngeren Mann, welcher neben ihr sass und ihre Schulter mit seiner Hand berührt habe. Die PSA fragt, wie sie reagiert habe. Die Klientin sagt, dass sie aufgestanden sei und sich einen anderen Platz gesucht habe. Der Mann sei ihr jedoch hinterher gekommen. Die PSA fragt, ob der Mann etwas zu ihr gesagt habe. Die Klientin sagt, dass er in einer ausländischen Sprache mit ihr gesprochen habe und sie es nicht verstanden habe. Die PSA und die Klientin sind nun mit dem Auto am Ziel.

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Klientin wirkt aufgeregt, wütend, etwas verunsichert und hilflos, sie wird ruhiger beim Berichten über die Situation.

Emotion Professionelle/r: Die PSA ist erleichtert, dass Klientin trotz der grenzüberschreitenden Situation gut angekommen ist. Sie macht sich Sorge, ob Klientin sich in solchen Situationen selber genug schützen kann. Sie ist unsicher, ob Klientin eventuell doch noch zu jung ist um selbständig Zug zu fahren

Kognition Professionelle/r: Ich muss alles über die Situation erfahren, um Klientin gut beraten zu können, damit sie die Situation verarbeiten kann und gestärkt ist für eine andere ähnliche Situation. Jetzt, vor dem Sport, ist die Zeit leider zu knapp, wir müssen es später wieder aufgreifen.

 

Zweite Sequenz: Situation präzisieren

Am Abend nach dem Sport nehmen die PSA und die Klientin die Situation der Zugfahrt wieder auf. Die PSA sagt, dass sie gemerkt hat, dass die Klientin die Situation im Zug verunsichert hat und als unangenehm empfunden hat. Die Klientin bestätigt dies und berichtet nun präziser, wie der Mann ihre Schulter “gestreichelt” habe. Die Klientin berichtet, dass sie “Stopp” zu dem Mann gesagt hätte, er jedoch nicht darauf reagiert habe. Die PSA fragt, ob die Klientin noch weitere Ideen hat, was sie hätte machen können. Die Klientin sagt, dass sie überlegt hat, ob sie jemanden um Hilfe bitten soll, jedoch wären in ihrer Nähe nur Jugendliche gewesen. Diese habe sie nicht ansprechen wollen. Die PSA fragt nach dem Zugpersonal. Dies sei auch nicht  in der Nähe gewesen, sondern in einem anderen abgetrennten Wagen des Zuges.

Die PSA fasst noch einmal zusammen, dass es gut war, dass Klientin Stopp gesagt hat und dass sie aufgestanden ist um den Platz zu wechseln. So hat sie ihre Grenze deutlich gemacht. Die PSA betont, dass Klientin in solchen Situationen laut werden darf und das “Stopp” oder “Ich möchte das nicht” laut rufen kann, damit auch andere aufmerksam werden. Zusätzlich kann sie sich umschauen und eine Person um Hilfe bitten. Gemeinsam überlegen die PSA und die Klien-tin, dass es sinnvoll sein könnte, wenn sie ihr Handy nimmt und die PSA oder eine andere Ver-trauensperson in der Situation anruft.

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Klientin fühlt sich verstanden und wirkt ruhig beim Berichten der Details der Situation.

Emotion Professionelle/r: Die PSA fühlt sich sicher im Gespräch mit Klientin, da sie eine gute Bezie-hungsgrundlage haben. Die PSA fühlt sich aufgrund von wenigen Erfahrungen mit dem Thema „Sexuelle Grenzüberschreitungen im öffentlichen Rahmen“ noch etwas unsicher.

Kognition Professionelle/r: Ich möchte Klientin Verständnis ausdrücken. Ich möchte sie gut und umfas-send beraten. Ich möchte sie dazu anleiten, selbst Lösungen zu finden. Ich möchte, dass sie sich sicher fühlt, wenn sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist.

 

Dritte Sequenz: Beratung einholen von Dritten

Aufgrund ihrer eigenen Unsicherheit  zu dem Thema “Sexuelle Grenzüberschreitung im öffentli-chen Rahmen” ruft die PSA bei einer Beratungsstelle für „Betroffene sexueller Übergriffe“ an, um auch von ihnen noch Beratung für die Situation zu bekommen.  Nachdem die PSA die Situation und den Gesprächsverlauf zwischen Klientin und ihr der Bera-terin geschildert hat, betont auch diese die wichtigen Punkte: Klientin muss die Grenze klar auf-zeigen durch “Stopp” sagen, sich wegsetzen und eine andere Person um Hilfe bitten, am besten eine Frau. Sie denkt, dass es gut wäre, wenn die Klientin in der Situation ihr Handy nehmen würde um die PSA oder eine Vertrauensperson anzurufen. Man könnte mit der Klientin noch besprechen, in welchen Fällen es eine weitere Möglichkeit wäre, den Notruf zu wählen und was das gegebenenfalls für Konsequenzen hat. Ein weiterer Tipp ist, dass die Klientin einen Selbstverteidigungskurs besucht. Abschliessend erwähnt sie, dass es wichtig ist, dass wir mit der Klientin im Gespräch bleiben und bietet die Möglichkeit an, wieder anzurufen.  Auch die Klientin darf gerne von sich aus bei der Beratungsstelle anrufen, wenn sie dies wünscht.

Reflection in Action

Emotion Klient/in: …

Emotion Professionelle/r: Die PSA ist erleichtert, weil sie nach dem Telefonat das Gefühl hat, die Klientin gut beraten zu haben. Die PSA ist dankbar über diese Bestätigung und weitere Ergänzungen.

Kognition Professionelle/r: Ich möchte die Klientin auf der einen Seite so viel Schutz geben, wie sie noch braucht. Auf der anderen Seite möchte ich, dass sie selbständig wird und den Schulweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln selbständig bewältigt.

 

 

Vierte Sequenz: Abschlussgespräch und Befindlichkeitsklärung der Klientin

Die PSA berichtet der Klientin von der Beratungsstelle und dem Telefonat.  Die PSA bietet Klientin die Möglichkeit an, auch noch einmal bei der Beratungsstelle anzurufen. Die Klientin lehnt dieses Angebot ab, sie sagt, dass die Gespräche mit der PSA für sie gereicht hätten. Den Vorschlag, einen Selbstverteidigungskurs zu besuchen, lehnt sie ab mit dem Argu-ment, dass sie das schon in der Schule mit der Sozialpädagogin gemacht hätten und sie deshalb gut Bescheid wisse. Die PSA und die Klientin schauen noch einmal gemeinsam in ihrem Handy nach, ob sie die wichtigsten Nummern von ihren Eltern, der PSA und den Notruf eingespeichert hat und diese im Notfall schnell findet.

Reflection in Action

Emotion Klient/in: Klientin wirkt zuversichtlich und sicher in Bezug auf das Thema.

Emotion Professionelle/r: Die PSA fühlt sich darin bestätigt, dass Klientin kein Bedürfnis mehr nach Beratung hat.

Kognition Professionelle/r: Die Beratung von Dritten war für mich wichtig, jedoch nicht mehr für Klientin.

 

Weitere Sequenzen

Reflection in Action

  • Emotion Klient/in: …
  • Emotion Professionelle/r: …
  • Kognition Professionelle/r: …

5.1      Erklärungswissen – Warum handeln die Personen in der Situation so?

  • Nach dem Vier-Ohren-Modell (Schulz von Thun, 1981) enthält jede Nachricht einen Sachinhalt, eine Selbstoffenbarung, zeigt die Beziehung auf und gibt einen Appell weiter. Je nachdem, mit welchem Ohr der Empfänger die Nachricht hört, kann er auf den Sachinhalt antworten, auf die Beziehung reagieren, auf die Selbstoffenbarung Bezug nehmen oder sich auf den Appell kon-zentrieren. Nach Schulz von Thun sollte die ausgewogene „Vierohrigkeit“ zur kommunikations-psychologischen Grundausrüstung des Empfängers gehören, um entsprechend auf unter-schiedliche Situationen reagieren zu können.

In der Situation hat die PSA mit dem Sachohr die Situationsbeschreibung gehört.  Auf dem Beziehungsohr kam für sie das Vertrauen von Klientin zu ihr an. Mit dem Selbstoffenbarungsohr hat sie die Emotionen von Klientin wahrgenommen. Am stärksten hat die PSA auf das Appellohr reagiert, indem sie den Schwerpunkt auf die Bera-tung gesetzt hat.

  • Nach Susan Sgroi (1982) ist sexuelle Ausbeutung eine sexuelle Handlung eines Erwachsenen mit einem Kind, das aufgrund seiner emotionalen und intellektuellen Entwicklung nicht in der Lage ist, dieser sexuellen Handlung informiert und frei zuzustimmen. Dabei nützt der Erwach-sene die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen aus, um das Kind zur Kooperation zu überreden oder zu zwingen. 

Aufgrund von negativen Erfahrungen der Klientin im Bereich sexuelle Übergriffe reagiert die PSA in der ersten Sequenz sehr alarmiert und etwas verunsichert in Bezug auf Schutz und Si-cherheit der Klientin.

 

5.2      Interventionswissen – Wie kann ich als professionelle Fachperson handeln?

  • Der Lösungsorientierte Ansatz (Steve de Shazer, 1980) hat zum Ziel, dass der Klient sich als erfolgreich erlebt und sein Selbstwertgefühl gestärkt wird. In einem lösungsorientierten Gespräch werden die Ressourcen des Klienten aufgedeckt, Erreichtes wird bewusst gemacht. Weiterhin ist der Klient verantwortlich für die Konstruktion der Lösung, der Sozialpädagoge für den Prozess der Lösungsfindung.

In der Situation hat die PSA herausgestellt, welche guten und richtigen Reaktionen Klientin selbständig gezeigt hat durch ihr „Stopp“-Sagen und den Platzwechsel. Als die PSA nach weite-ren Ideen fragt, erwähnt Klientin noch die Möglichkeit, eine andere Person anzusprechen und um Hilfe zu bitten. In der letzten Sequenz bemerkt die PSA, dass das Selbstbewusstsein der Klientin gestärkt ist für das weitere Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

  • Gewaltfreie Kommunikation: Ein wichtiger Schwerpunkt der gewaltfreien Kommunikation (Ro-senberg, 2013) ist, andere Menschen empathisch aufzunehmen. Dabei ist die Schwierigkeit, andere Menschen nicht zu belehren, über den Mund zu fahren, zu bemitleiden, zu verhören oder zu verbessern. Empathie dagegen bedeutet, jemandem die ganze Aufmerksamkeit zu schenken und darauf zu hören, was die Person braucht. Die Person soll ihr Anliegen vollständig ausdrücken können. Wir wissen, dass unser Gesprächspartner genügend Empathie bekommen hat, wenn der Sprechfluss versiegt oder ein Nachlassen der Anspannung zu spüren ist.

In der Gewaltfreien Kommunikation gibt es vier Grundschritte. Im ersten Schritt sollte der Emp-fänger einer Nachricht gut beobachten und diese Beobachtung beschreibend ausdrücken. Im zweiten Schritt spricht er seine Gefühle aus. Im dritten Schritt sagt er welche Bedürfnisse hinter den Gefühlen stehen und mit der vierten Komponente drückt er eine spezifische Bitte aus. In der zweiten Sequenz schafft die PSA einen Rahmen, in dem sie auf Klientin empathisch rea-gieren kann. Sie ist präsent, hört zu, spiegelt die Gefühle der Klientin wieder. An der Reaktion der Klientin wird deutlich, dass sich die Klientin verstanden fühlt und ihre Anspannung nachlässt.

  • Betriebskonzept der Stiftung: Sexuelle Ausbeutung dürfen in der Grossfamilie keinen Raum haben. In Anlehnung an die Charta Prävention von sexueller Ausbeutung, Missbrauch und an-deren Grenzverletzungen (www.charta-praevention.ch) gibt es in der Stiftung eine interne nie-derschwellige Meldestelle mit einer fachlich kompetenten Ansprechperson, die den Mitarbeiten-den und den Kindern sowie den gesetzlichen Vertretern und Angehörigen bekannt ist. Auch das weitere Vorgehen bei Übergriffen zwischen Kindern und Jugendlichen, bei Übergriffen durch institutionsinterne Mitarbeitende sowie bei Übergriffen durch externe Dritte ist aufgeführt. Wichtig ist in jedem Fall die Absprache mit der Stiftungsleitung, Kontaktaufnahme zur Opferhilfe, zur versorgenden Behörde und bei schwerwiegenden Vorkommnissen Meldung an die Polizei. 

Klientin hat durch ihre früheren Erfahrungen im Bereich „sexuelle Übergriffe“ den ganzen Pro-zess des Vorgehens bei Übergriffen zwischen Kindern und Jugendlichen bis hin zur Anzeige des Jugendlichen als Opfer miterlebt. Auf der einen Seite war dies eine schwierige Zeit für Klientin, auf der anderen Seite hat sie sich auch unterstützt und ernst genommen gefühlt. Sie wurde mit ihren Gefühlen nicht alleine gelassen, sondern hat Unterstützung erhalten.

 

5.3      Erfahrungswissen – Woran erinnere ich mich, was kenne ich aus ähnlichen Situationen?

  • Die Klientin kann über ihre negativen Erfahrungen in dem Bereich „sexuelle Übergriffe“ spre-chen und es hilft ihr, schwierige Situationen zu verarbeiten. Wichtiges Thema ist, regelmässig mit ihr über Grenzen zu sprechen, ihre eigenen Grenzen und die Grenzen der anderen wahrzu-nehmen und dementsprechend zu handeln. Ausserdem ist die Klientin seit einigen Jahren in regelmässiger therapeutischer Behandlung.
  • Die PSA hat eine Fortbildung bei der Beratungsstelle besucht und schon für eine andere Situa-tion kompetente Beratung bei der Beratungsstelle erhalten. Es ist eine Beratungs- und Informa-tionsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder, weibliche Jugendliche und in der Kindheit ausge-beutete Frauen. Sie setzt sich für Betroffene sexueller Übergriffe und deren Bezugspersonen ein. Sie bietet persönliche und telefonische Beratung an, sowie Unterstützung und Begleitung im Rahmen der Opferhilfe. Ausserdem gibt sie Informationen zur Thematik der sexuellen Aus-beutung weiter und veranstaltet Weiterbildungsanlässe für Fachpersonen.

 

5.4      Organisations- und Kontextwissen – Welche Rahmenbedingungen beeinflussen mein Handeln?

  • Zu den Handlungszielen der sozialpädagogischen Grossfamilie gehört die Stärkung der Per-sönlichkeit. Die Kinder sollen in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden und in Eigenverantwor-tung und Selbständigkeit hineinwachsen. Dazu gehören unter anderem folgende für die Situation relevante Aspekte der Beziehung zu sich, den Mitmenschen und zur Welt: Ressourcenorien-tierung, Selbstkompetenz, grösstmögliche Selbständigkeit, Bewegungsfreiheit, Unterstützung, Vertrauen, Schutz und Anteilnahme. Die PSA überlegt, in welchem Punkt die Klientin noch Schutz und Unterstützung benötigt und wie sie die grösstmögliche Selbständigkeit und Bewe-gungsfreiheit leben kann.
  • Im Konzept der Grossfamilie ist zum Umgang mit Sexualität das Respektieren der eigenen Grenzen und der Grenzen anderer, sowie der Aufbau eines Selbstschutzes thematisiert. Das Ziel der PSA in der Situation ist es, dass die Klientin sich selbst so gut schützen kann, dass sie sich möglichst frei in der Gesellschaft bewegen kann.

Im Betriebskonzept der Stiftung sind sexuelle Übergriffe definiert und der Umgang damit erläu-tert. Prävention steht hier an erster Stelle in der Erziehungsarbeit. Kinder sollen stark gemacht werden, um ihre eigenen Grenzen zu vertreten und sich zu wehren.  Im Rahmen der Stiftung findet für Mädchen in der Vorpubertät ein MFM-Projekt (MFM: Mäd-chen Frauen Meine Tage) statt, ein sexualpädagogische Präventionsprojekt. Dies hat Klientin besucht und ist weiterhin mit der PSA im Gespräch zu diesem Thema. Sexuelle Ausbeutung bedeutet, dass jemand seine Macht über einen anderen Menschen aus-nützt und seine Unwissenheit, sein Vertrauen, seine Neugier, seine Hilfsbereitschaft oder seine Abhängigkeit missbraucht, um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Da dieses Thema für viele platzierende Kinder bittere Realität ist, rechnet die Stiftung mit in der einen oder anderen Form davon Betroffenen auch in der Grossfamilie. Wichtig für die Stiftung ist, dass Fachperso-nen beratend hinzugezogen werden, das Kind soll mit den Gefühlen nicht alleine gelassen wer-den und unter Umständen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen können. Weiterhin wird für jeden neuen Schritt sorgfältig geprüft, ob der Schutz des Kindes gewährleistet ist, um es nicht erneut zu traumatisieren. Da Klientin in dem Bereich „sexuelle Übergriffe“ traumatisiert ist, geht die PSA sehr vorsichtig mit der Situation um und prüft genau ob Klientin in der Lage ist, sich selber zu schützen.

 

5.5      Fähigkeiten – Was muss ich als professionelle Fachperson können?

  • Empathie und Einfühlungsvermögen zeigen und auch verbalisieren können
  • Einen geschützten Rahmen bieten, in dem die Klientin sich sicher fühlt und offen berichten kann
  • Erkennen, was die Klientin braucht und welche Bedürfnisse gedeckt werden können

Die Gespräche finden immer unter vier Augen statt, die PSA und die Klientin kennen sich seit mehreren Jahren. Die PSA hört zu, fragt nach, zeigt Verständnis. In der letzten Sequenz merkt die PSA, dass das Bedürfnis der Klientin eventuell in erster Linie das Verbalisieren und Ver-standenwerden von ihrer Bezugsperson war. Untergeordnet war das Einholen von möglichen Handlungsalternativen. Das Einholen einer Beratung von Dritten interessierte die Klientin nicht.

 

5.6      Organisationale, infrastrukturelle, zeitliche, materielle Voraussetzungen – Womit kann ich handeln?

  • In der Grossfamilie wird regelmässig oder bei akuten Anlässen Raum und Zeit für Einzelge-spräche zur Verfügung gestellt. Solche Gespräche finden häufig am Abend statt, wenn der Schultag abgeschlossen ist und Ruhe und Zeit dafür gegeben ist.
  • Um die Klientin an das selbständige Bus und Zug fahren heranzuführen wurde regelmässig Zeit zur Verfügung gestellt und Möglichkeiten gesucht, um dies gemeinsam zu üben, gemeinsam Fahrpläne zu lesen, das dafür angeschaffte Handy zu bedienen und die wichtigsten Nummern zu speichern.

 

5.7      Wertewissen – Woraufhin richte ich mein Handeln aus? Welches sind die zentralen Werte in dieser Situation, die ich als handelnde Fachperson berücksichtigen will?

  • Berufskodex: Zu den Grundsätzen der sozialen Arbeit gehört es, Menschen zu begleiten, zu betreuen oder zu schützen und ihre Entwicklung zu fördern, zu sichern oder zu stabilisieren. Sie soll auch Veränderung fördern, die Menschen unabhängiger werden lassen von der sozialen Arbeit. 

Die PSA sieht es als ihre Aufgabe auf der einen Seite die Klientin zu schützen und zu begleiten und auf der anderen Seite sie in ihrer Entwicklung zu fördern mit dem Ziel der grösseren Unab-hängigkeit. Dies geschieht durch das selbständige Bus und Zug fahren. Die Klientin soll sich  sicher fühlen und wissen, wie und wo sie Hilfe bekommt. Zu den Handlungsprinzipien der sozialen Arbeit gehört, dass die Professionellen der sozialen Arbeit vor sexuellen Übergriffen schützen. Diesen Schutz möchte die PSA der Klientin geben. Zu den Handlungsmaximen bezüglich der eigenen Person gehört, bei Bedarf für sich selbst Beratung und Hilfe in Anspruch zu nehmen und kontinuierlich Intervision, Supervision, Coaching und Fortbildung zu nutzen. Diese Möglichkeit schöpft die PSA durch die Fortbildung und den Telefonkontakt zu der Beratungsstelle aus.

  • Leitbild der Organisation: Zentrale Ansätze leitet die Stiftung ab aus der 

-lebensweltorientierten Sozialpädagogik -systemorientierten Sozialpädagogik -Entwicklungs- und kompetenzorientierten Sozialpädagogik und dem Religionspädagogischen Ansatz Zentral für die Situation ist, dass alle Ansätze davon ausgehen, dem Kind durch emotionale Wärme, Klientinhme und Achtung ein sicheres Umfeld zu bieten. Von dem aus können sie ihren Lebensraum erweitern, Lebenskompetenzen aufbauen und einen gelingenden Alltag erleben.

  • Menschenbild: Die Wertehaltung der Stiftung beruht auf einem christlichen Menschenbild, das den Mensch als Beziehungswesen auszeichnet.

In der Situation wird deutlich, dass die Beziehung zwischen der PSA und Klientin eine vertrau-ensvolle und wertschätzende, tragende Ebene hat. Die Beziehung zu Gott wird nicht explizit erwähnt in der Situation, gibt der PSA jedoch Sinn und ist Klientin bekannt als Möglichkeit, ihr Halt zu geben.

  • die grösstmögliche Selbständigkeit für die Klientin ist gewährleistet
  • der notwendige Schutz und die notwendige Unterstützung sind gesichert
  • die eigenen Fähigkeiten und Stärken werden hervorgehoben und weiter ausgebaut
  • die Angst vor der Ohnmacht in grenzüberschreitenden Situationen ist verringert
  • die Emotionalität des Professionellen im Kontakt mit der Klientin ist angemessen und die nötige Rollendistanz gewährt

Ist die grösstmögliche Selbständigkeit für die Klientin gewährleistet? Das selbständige Bus und Zug fahren ist ein wichtiger und grosser Entwicklungsschritt für Klien-tin, welcher ihr ermöglicht, in Eigenverantwortung und Selbständigkeit hineinzuwachsen. Es ist ihr eigener Wunsch, mit dem öffentlichen Bus zur Schule zu fahren und ihre Freundinnen oder Eltern selbständig besuchen zu können.

Ist der notwendige Schutz und Unterstützung gesichert? Durch die Vorbereitung auf das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, regelmässige Gesprä-che und therapeutische Stunden zum Thema „Grenzen“ erfährt Klientin (präventive) Unterstüt-zung. Für schwierige Situationen weiss Klientin um verschiedene Möglichkeiten, wie und wo sie Schutz suchen und bekommen kann.

Sind die eigenen Fähigkeiten und Stärken hervorgehoben und weiter ausgebaut? In der zweiten Sequenz hebt die PSA nach dem lösungsorientierten Ansatz hervor, welche Re-aktionen von Klientin gut waren in der Situation und entwickelt mit ihr weitere Möglichkeiten ihr selbstwirksames Verhalten auszubauen.

Ist die Angst vor der Ohnmacht in grenzüberschreitenden Situationen verringert? Dieser Punkt hat eine spezielle Bedeutung für Klientin. Sie kennt das Gefühl der Ohnmacht aus früheren Erfahrungen im Bereich „sexuelle Übergriffe“. Deshalb ist es für Klientin besonders wichtig, dass dieses Gefühl sie nicht wieder einfängt, sondern sie sich stark fühlt sich verbal oder körperlich zur Wehr zu setzten. In der vierten Sequenz wird deutlich, dass sich Klientin zuversichtlich und sicher fühlt, weiterhin selbständig Bus und Zug zu fahren. Sie weiss, wie sie in schwierigen Situationen Grenzen setzten und sich verteidigen kann oder wo sie Hilfe holen darf.

Ist die Emotionalität der PSA im Kontext mit der Klientin angemessen und die nötige Rollendis-tanz gewahrt? Durch die emotionale Nähe (Klientin ist Pflegetochter, PSA ist Pflegemutter) ist die PSA in der ersten Sequenz emotional stark beteiligt, sie macht sich Sorgen, ist verunsichert. Sie drückt dies Klientin gegenüber nicht konkret aus, sondern stellt viele Fragen.  Ab der zweiten Sequenz kann die PSA durch den räumlichen und zeitlichen Abstand zu der Situation, auf der einen Seite mit ihren eigenen Emotionen angemessen umgehen und auf der anderen Seite Klientin Verständnis und Empathie entgegenbringen.

In einer ähnlichen Situation würde die PSA beim nächsten Mal versuchen, in der 1. Sequenz stärker nach den Grundsätzen der gewaltfreien Kommunikation zu reagieren. Sie würde erst zuhören, und sagen, dass sie merkt, dass Klientin jetzt gerade sehr aufgewühlt ist. Dann würde sie ausdrücken, dass sie selbst erleichtert ist, dass Klientin gut angekommen ist aber auch un-sicher, weil sie nicht weiss, wie es Klientin jetzt damit geht. Dann würde sie sagen, dass sie das Bedürfnis hat, mit ihr ausführlich über die Situation zu sprechen mit dem Anliegen, dass sie am Abend ein Gespräch darüber führen möchte.

Als einen weiteren Punkt ihrer Beratung könnte die PSA ein Rollenspiel einbauen, um die Situa-tion nachzuspielen oder ähnliche typische Situationen für das Bus oder Zug fahren zu spielen. Das Rollenspiel ist für beraterische Kontexte anwendbar. Mit Hilfe des Rollenspiels können so-ziale oder kommunikative Kompetenzen gefördert werden (Südemann, 2007) Das Rollenspiel bietet die Möglichkeit eines Probehandelns für die Bewältigung von konkreten Situationen. In einem geschützten Rahmen können unterschiedliche Versuche zur Lösung eines Problems gemacht werden und alternative Entscheidungen überprüft werden um einen Weg für den Umgang mit dem Problem zu finden (Myschker, 2009).  Die Methode des Rollenspiels ist Klientin schon bekannt. Um ihre früheren Erfahrungen im Be-reich „sexuelle Übergriffe“ zu bearbeiten hat sie einige Rollenspiele mit Puppen mit der PSA sowie der Therapeutin gemacht.

  • Avenir Sozial (2010): Berufskodex der Sozialen Arbeit Schweiz, Professionelle Arbeit Schweiz, Bern.
  • Myschker, Norbert (6. Auflage: 2009): Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart, Kohlhammer GmbH
  • Rosenberg, Marshall B. (11. Auflage 2013): Gewaltfreie Kommunikation, Paderborn, Jungfer-mann Verlag
  • Schulz von Thun, Friedmann (2007): Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.
  • Sgroi, Susan (1982) in: Kazis, Cornelia (1988): dem schweigen ein Ende, Basel: Leons
  • Südemann, Marian (1. Auflage 2007): Das Rollenspiel: Unter besonderer Berücksichtigung des Rollenspiels als erlebnisaktivierende Methode (Studienarbeit), Norderstedt, GRIN Verlag
  • Steve de Shazer (1991), Words were Originally Magic, Norton, New York, Deutsche Ausgabe: Worte waren ursprünglich Zauber. Von der Problemsprache zur Lösungssprache. Aus dem Amerikanischen von Andreas Schindler (2009), Auer, Heidelberg

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