Gruppenprozesse begleiten und fördern

Stichwörter:

  • Die PSA übernimmt eine begleitende Rolle und ist mit der Herausforderung konfrontiert teilweise unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.
  • Mehrere Personen sind involviert
  • Beziehungen unter den Beteiligten, Positionen und Rollen beeinflussen das Geschehen
  • Individuelle Absichten und Ziele treffen aufeinander
  • Vorhandene Störungen, Widerstände und Verweigerungen
  • Beeinflussung des Gruppenprozesses von aussen (Begleitung & Förderung)

5.1      Erklärungswissen – Warum handeln die Personen in der Situation so?

  • Gruppenprozess: Nach dem Modell von Tuckman (1965, vgl. Gollwitzer 2006: 196) durchläuft eine Kleingruppe in ihrer Zusammenarbeit verschiedene Phasen. In der Phase Forming sind das Kennenlernen und die gegenseitige Orientierung die zentralen Themen. Die Storming-Phase dreht sich um das Aushandeln von gemeinsamen Zielen und Normen, von Rollenverteilungen und gegenseitigen Erwartungen. Diese Aushandlungen kommen in der Phase Norming zu einem Abschluss, wobei eine gemeinsame Gruppenidentität entsteht. Auf deren Basis wird in der Phase Performing ein produktives Arbeiten an den gemeinsamen Zielen ermöglicht. Die Phase Adjourning beinhaltet schliesslich die Beendigung der Gruppenstruktur. 
  • Die Koproduktion ist ein zentrales Strukturmerkmal der Sozialen Arbeit: „Ohne Zutun des Klienten kann (…) kein befriedigendes Ergebnis erzielt werden.“ (Hochuli Freund/Stotz 2011: 54) Dies setzt Kooperation voraus, die „gemeinsame Ausrichtung des Handelns auf ein Ziel“ (ebd.:54). Insbesondere wenn die Mitwirkung der Klienten nicht auf freiwilliger Basis erfolgt, kann die Kooperationsbereitschaft nicht als gegeben erachtet werden, sondern muss zuerst erarbeitet werden (ebd.: 55). Dabei gibt es keine Garantie auf Erfolg, mit der Verweigerung der Klienten muss gerechnet werden (ebd.:55).
  • Sozialer Einfluss Ein Aspekt sozialer Vergleichsprozesse ist die Annahme des Validierungsbedürfnisses, also des Bedürfnisses von Menschen, möglichst korrekte Fähigkeiten und Meinungen zu haben. Die Validierung dieser Korrektheit beruht auf dem Vergleich mit anderen Menschen. Je mehr Personen die eigene Meinung teilen, desto sicherer ist man sich über deren Richtigkeit (vgl. Gollwitzer 2006: 24). Dies kann zu einem Uniformitätsdruck führen, unter welchem Individuen entweder versuchen, die Gruppenmeinung aktiv zu beeinflussen oder aber ihre eigene Meinung der vorherrschenden Gruppenmeinung anpassen (ebd.: 25). Die Einflussstärke eines sozialen Konformitätsdrucks hängt neben situativen Variablen auch von personalen Variablen ab. Asch (1951) führte zu deren Unterscheidung vier Kategorien von Persönlichkeiten ein: selbstsicher-unabhängige, unsicher-unabhängige, wahrnehmungskonforme und urteilskonforme Personen. Während Personen der unabhängigen Kategorien zu ihrer persönlichen Meinung stehen, passen Personen der konformen Kategorien ihre Meinung der Gruppenmeinung an. Von Asch durchgeführte Untersuchungen zeigen die starke Beeinflussbarkeit von Menschen durch die Meinung anderer (vgl. Gollwitzer 2006: 139). Bewertungsangst kann dazu führen, dass bereits die Anwesenheit anderer Personen das eigene Verhalten beeinflusst, was dann je nach Situation sowohl zu sozialer Erleichterung, aber insbesondere auch zu sozialer Hemmung führen kann (vgl. ebd.: 190).

 

5.2      Interventionswissen – Wie kann ich als professionelle Fachperson handeln?

  • Gruppenprozess steuern: Je nach Phase, in welcher sich die Gruppe in ihrem Prozess befindet (vgl. Erklärungwissen), verändern sich die Aufgaben der Fachperson massgeblich. Während der Gruppe in der Performing-Phase idealerweise möglichst viel Freiraum gelassen wird, nimmt die Fachperson in den vorherigen Phasen eine aktivere Rolle ein. In der Forming-Phase soll der Gruppe ermöglicht werden, sich gegenseitig kennenlernen zu können. Dies kann durch die Fachperson mit einen geeigneten Rahmen gefördert werden, beispielsweise durch gemeinsame Aktivitäten oder durch Kennenlernspiele. In der Storming-Phase treffen die individuellen Bedürfnisse und Erwartungen der Gruppenmitglieder aufeinander. Aufgabe der Fachperson ist es, diese Konfikte zu ermöglichen, sie aber auch in einen konstruktiven Rahmen zu setzen. Unbeachtete Bedürfnisse können dazu führen, dass unzufriedene Gruppenmitglieder die Performanz der Gruppe später negativ beeinflussen. Es ist also insbesondere darauf zu achten, dass alle Gruppenmitglieder ihre Bedürfnisse einbringen können und dass diese in der Norming-Phase angemessen berücksichtigt werden. 
  • Kooperationsbereitschaft erarbeiten: Voraussetzung für ein konstruktives Gespräch ist die Bereitschaft aller Beteiligter, sich einzubringen. Diese Kooperationsbereitschaft kann allerdings wie erwähnt nicht als gegeben betrachtet werden, sondern muss zuerst aufgebaut werden. „Es kommt darauf an Vertrauen zu gewinnen und den Willen zur Veränderung erst zu wecken.“ (Thiersch 2002, zit. in Hochuli Freund/Stotz 2011: 55).
  • Gesprächsführung: Im Gruppengespräch der/die PSA eine gesprächsführende Rolle ein. Dies bringt Verantwortungen mit sich: die Gestaltung des Gesprächsrahmens (Widulle 2012: 65ff) und die Steuerung der Gesprächsstruktur (ebd.: 73ff), die Beachtung nonverbaler Kommunikation (ebd.: 23ff) und die Anwendung entsprechender Metakommunikation (ebd.: 113ff) sowie der angemessene Einbezug aller am Gespräch beteiligten Personen.
  • Gruppendynamik beachten: Der soziale Einfluss der Gruppe auf einzelne KlientInnen bedarf der Beachtung durch den/die PSA. Um ein optimales Ergebnis der Gruppenleistung zu erreichen, sollten negative Tendenzen (Stichwort groupthink) unterbrochen werden. Gleichzeitig können die Effekte des sozialen Einflusses dazu genutzt werden, einzelne KlientInnen zur Mitarbeit zu motivieren.

 

5.5      Fähigkeiten – Was muss ich als professionelle Fachperson können?

  • Grundlagen der Kommunikation, beispielsweise Kenntnisse über die nonverbale Kommunikation.
  • Gesprächsführung: Strukturierung eines Gesprächs, Zielausrichtung, Einflüsse auf ein Gespräch.
  • Führung eines Gruppengespräches: Kenntnisse über die Besonderheiten eines Gruppengespräches.
  • System- & Gruppenbezogene Methoden Sozialer Arbeit.
  • Situatives Handeln: Reaktion auf aktuelles Geschehen in der Gruppe.
  • Angemessene Zurückhaltung, damit Gruppe ihren Prozess möglichst selbständig durchlaufen kann.
  • Aufbau einer Bereitschaft zur Kooperation.
  • Analyse der Gruppendynamik als Voraussetzung für adäquates Handeln.

 

5.7      Wertewissen – Woraufhin richte ich mein Handeln aus? Welches sind die zentralen Werte in dieser Situation, die ich als handelnde Fachperson berücksichtigen will?

  • Umgang mit Konflikten: Als Voraussetzung für ein harmonischen Gruppengeschehen (soweit dies überhaupt möglich ist) sehen die Sozialpädagogen nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern einen konstruktiven Umgang damit. Dieser soll im Rahmen des Gruppenprozesses gefördert werden, wobei auch der persönliche Fortschritt der KlientInnen eine wichtige Rolle spielt. Unter dem Aspekt, dass ein zu starkes Wir-Gefühl auch schädlich sein kann für die Gruppe (Stichwort „groupthink“), wird eine offene Kommunikations- und Diskussionskultur angestrebt. Dabei beschränkt sich das Ziel einer solchen Kultur nicht nur auf die Jugendliche, sondern bezieht auch die Sozialpädagogen mit ein.

 

  • Der Gruppenprozess wird wahrgenommen und bewusst begleitet
  • Die Ressourcen der Klienten werden wahrgenommen und gestärkt
  • Die Bedürfnisse der KlientInnen sind erkannt, sie werden angemessen berücksichtigt. 
  • Die Gesprächsführung agiert situativ, sie übernimmt je nach Bedarf eine führende oder eine zurückhaltende Rolle.
  • Die KlientInnen erleben sich als selbstwirksam.
  • Ein positiv geprägtes Gruppengefühl ist vorhanden.
  • Asch, Solomon E. (1955): Opinions and social pressure. In: Scientific American, Ausgabe 193, S. 31-35. San Francisco: W. H. Freeman And Company.
  • Hochuli Freund, Ursula/Stotz, Walter (2011): Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Gollwitzer, Mario/Schmitt, Manfred (2006): Sozialpsychologie. Workbook. Weinheim: Beltz Verlag.
  • Neubauer, Kati (2006). Zu psychologischen Aspekten der Arbeit in Gruppen. Zwischenprü-fungsarbeit. Norderstedt: Grin Verlag. Piero, Rossi/Bürgi, Susanne (2010). ADHS – Krankheit der negativen Gefühle?. In: http://www.adhs.ch/?p=137 [Zugriffsdatum:14.02.14] McLeod, John (2004). Counseling – Eine Einführung in Beratung. Tübingen: dgvt.
  • Widulle, Wolfgang (2012): Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und Gestaltungshilfen. 2., durchgesehene Auflage. Wiesbaden: Springer VS.

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